|
Buddhas Siesta und sechs Hundekuchen, 25.8.01, Lijiang
Salve Lectande! (sollte ein Vokativ sein) Ein sonniger Tag im Süden
Chinas lässt grüssen, eine wundervolle Umgebung und eine friedliche Stadt gebietet zu bleiben und doch wartet ein Bus darauf, dass ich ihn besteige um nach Kunming zu fahren und endlich die Visumsangelegenheiten der
nächsten Etappen zu erledigen... Als ich mich vor rund einer Woche endlich aus Chengdu lösen konnte, fuhr ich nach LeShan. Hier konnte ich mal wieder erkennen, dass meine chinesisch Kenntnisse noch immer nichts
taugen: hatte ich doch erwartet, dass man den Ort wie Lö-schan ausspricht, musste ich doch erfahren, dass man ihn phonetisch von der Stadt am Genfersee nicht unterscheidet. Die Hauptsehenswürdigkeit dieses Ortes
ist, dass dort der grösste Buddha rumsteht, (seit einem Jahr sogar mit Abstand der grösste.) welcher höhenmässig etwas dem Münster in Basel entspricht. Dabei übersieht man leicht, dass auch der Höhe ein anderer
Buddha pennt, der mit seinen nahezu 200m ein bisschen gigantisch ausgefallen ist. In den Höhlen gibt Reliefs mit erotischen Darstellungen, die stark an die indischen erinnern, was allerdings auch nicht sonderlich
erstaunt. Und wenn man schon beim Buddhismus ist, habe ich daraufhin gleich den EmeiShan besteigen wollen. Einer der fünf heiligen Berge Chinas. Doch es regnete, wie ich es schon selten gesehen habe, so dass ich
mich entschloss den Bus auf den Gipfel zu nehmen – statt rauf zu wandern, was meine eigentlich Absicht gewesen wäre. Im Bus wurde dann ein Video gezeigt, auf welchem ich sehen konnte, welche Ausblicke mir eine
unvernebelte Sicht hätte bescheren können. Im Gipfelnebel konnte ich dann erkennen, dass von Heiligkeit wenig übrig geblieben ist. Also für alle, die mal in die Gegend gehen: bei schlechtem Wetter rauf zu fahren,
lohnt sich auf alle Fälle nicht. In einer 24-Stunden-Mamuthreise fuhr ich nach Lijiang. Dieser Ort ist sehr seltsam: er wurde vor ein paar Jahren von einem Erdbeben weitgehend zerstört und in der traditionellen
Naxi-architektur wieder aufgebaut. Dieses Neue gibt dem ganzen Ort etwas Artifizielles, was ein bisschen an einen Themenpark erinnert und weniger an einen lebendigen Ort. Ausserdem scheinen nebst mir tonnenweise
andere Reisende davon gehört zu haben, dass diese die schönste Stadt Chinas ist, so dass man schliesslich nicht mehr so viel Authentizität erlebt. Vielleicht ist es auch genau dies, was ich gerade erholsam finde.
(Gestern ass ich eine Lassagne, die nicht nur so aussah, sondern auch so schmeckte!) Vielleicht liegt es auch daran, dass hier weniger als die Hälfte der Einwohner Hanchinesen sind (also der grossen Mehrheit und
diejenigen welche, wenn ich mal die Kategorisierung von J. Osterhammel verwenden darf, eine klare Politik des Siedlungskolonialismuses im eigenen Land betreiben.) und es deshalb gerade viel freundlich und kulturell
bunter ist. Mit einer Reihe von Amerikanern (man findet in China erstaunlicherweise einen höhern Amerikaneranteil als in vielen anderen Ländern, obwohl diese in der öffentlichen Meinung - sofern man eine solche
annimmt - die zweitunbeliebteste Nation ist. Hängt noch mit dem unvergessenen Zwischenfall auf Chinas Tropeninsel zusammen...) habe ich mich entschlossen den Tiger Leaping Gorge (kurz: TLG) Trek zu machen. Der TLG
ist eine Schlucht mehr, die für sich beansprucht, die tiefste der Welt zu sein. Ist sie aber vermutlich nicht. Was will man über diesen Trek schon gross erzählen: fantastische Natur, kaum andere Leute und Unterkunft
in kleinen Einheimischen Hüttchen mit Sicht auf den tosenden Fluss, der das Herz jeden Rafters bis zum Mond höher schlagen lassen müsste. Der schmale Pfad führte an tiefen, teilweise fast senkrechten, Abgründen
vorbei und ist bestimmt nicht der Ort um Höhenangst zu kurieren. Wegen des unsteten Wetters und der damit verbundenen Steinschläge, gilt der ganze Weg als nicht ganz ungefährlich. Aber mit ein bisschen Rücksicht auf
die Wetterprognosen, kann man das doch recht gut abschätzen, so dass wir nur einmal kurz in einen heftigen Regen gekommen sind (dummerweise gleich am Anfang) und an Steinschlägen nur das gesehen haben, was meine
etwas kindlich veranlagten Begleiter mit ihrem Felsbrockenherunterwerfen veranstalteten. Nachdem wir drei Tage lang dieses Tal durchwandert haben, kamen wir auf eine kleine wackelige Fähre, auf welcher wir (zusammen
mit einem vor Angst die Augen verdrehenden Stier) den erwähnten Fluss überquerten. Von dort nahmen wir wieder den Bus nach Lijiang zurück. Der hielt irgendwo im Kraut an, um sechs Hunde aufs Dach zu verladen.
Dieses Verladen ist unbeschreiblich - den Hunden wurde einen Metalldraht um den Hals gelegt und so auf das Dach gezerrt. Wenn sich einer der Hunde in der Leiter verhedderte, half ein gewaltsamer Ruck und sie
waren oben. Als die anderen Touristen bleich zusammenschreckten, nachdem sie erfuhren, dass diese Hunde für den Lebensmittelmarkt in Lijiang gedacht waren, fanden die Naxi's dies ausgesprochen lustig. Die Japanerin,
neben der ich im Bus sass und die mir zuvor ein Bild von ihrem Hund gezeigt hatte, weinte etwa eine Stunde und auch der kräftige Südafrikaner, den sonst nichts erschüttert, liess ein paar Tränen fallen. Vermutlich
mehr wegen der Behandlung der Tiere als wegen des Essens. Ich war schliesslich ein bisschen erstaunt, dass die Hunde gegessen werden sollten; hatten mir doch bisher alle Chinesen nachdrücklich versichert, dass Hunde
Haustiere seinen und nicht gegessen werden und dies ein Vorurteil der Ausländer sei. Aber diese stereotypischen (und falschen) Antworten sind in China sehr weitverbreitet. Man muss nur mal zu Tibet was sagen... Aber
das gehört dann wieder zur oben genannten propagandistischen Absicherung des obengenannten Siedlungskolonialismuses... Wenn wir schon dabei sind, würde ich auch gerne einmal etwas zur besonderen Art des
chinesischen Rassismuses sagen. Natürlich gibt es ihn offiziell nicht und stereotypisch wird das auch von vielen sofort verneint. Im Lonely Planet habe ich das schöne Beispiel einer selbstfalsifizierenden Aussage
eines Studenten aus Chengdus gelesen: "In China gibt es keinen Rassismus, weil es keine Schwarzen gibt." Dass Ausländer prinzipiell mehr zählen sollen, ist auch kein Rassismus, schliesslich sind wir ja die
Imperialisten. (Meinen die damit wohl Nestle?) Das ist einmal das eine. Zum anderen wird innerhalb Chinas sehr stark nach Nationalitäten unterteilt. Jeder weiss, wie aus einer Kanone geschossen, dass es in China 56
Nationalitäten (in unserem Sprachgebrauch Ethnien) gibt. Die Nationalität ist im Pass eingetragen und macht in vielen Hinsichten Unterschiede: Huis (das sind Moslems) können dann zum Beispiel gratis in die Moscheen
gehen. Die Universitäten sind unterteilt danach woher die Leute kommen. In Peking gibt es beispielsweise eine normale Uni, eine für Ausländer und eine für Minoritäten, welche, soviel ich weiss, weiter unterteilt
ist. Ausländer dürfen nicht einheimische Studenten auf ihren Zimmern besuchen (obwohl das faktisch möglich ist - ich habe das selbst gemacht) und umgekehrt. Viele Ausländer, die ich hier getroffen habe und die in
einer der Universitäten unterrichten, klagen darüber, dass sie von ihren Schülern ausserhalb des Unterrichtes streng getrennt werden. Solche kleine Beispiele gibt es noch viele, doch wie erwähnt wartet draussen an
der Sonne ein Bus auf mich... Liebe Grüsse, Oliver
Gesichtslose Pagoden und Blutwürste, 2.9.01 BaoShan
Liebe Leute, wieder mal ein Bus, der auf sich warten lässt und somit eine
weitere Gelegenheit, einen Internetexzess auszuleben. Der Ort, den ich gerade besuche, hat zudem auch zu wenig zu bieten, um mir eine ernsthafte Alternative zum Internet zu sein. Eigentlich müsste es hier gemäss
Reiseführer eine Altstadt geben - aber wie so viele in China, ist inzwischen auch diese wegmodernisiert worden. Nun ist Baoshan eine moderne gesichtslose Stadt geworden mit einem kleinen Pärkchen und einer
wundervollen Pagode, was man in einer zweistündigen Tour besichtigt hat. Ein weiteres Problem ist die Hotelsituation hier: es gibt zwar massenweise billige und gute Unterkünfte, aber die behaupten ernsthaft, dass
alle billigen Bett in der ganzen Stadt schon belegt seien. Wie auch immer, ich bin schliesslich in einem Hotel untergekommen, wo die Preise stundenweise angeschrieben stehen. Doch was ist inzwischen sonst
geschehen? Von Lijiang, wo ich mich das letzte Mal gemeldet habe, bin ich nach Kunming gefahren. Das ist der Hauptort Yunnans, und die für mich wichtigste "Sehenswürdigkeit" war die laotische Botschaft.
Das Visum bekam ich viel leichter als erwartet. Als ich den Botschafter fragte, ob nun die Grenze zwischen Laos und Kambodscha offen sei, meinte er nein, aber mit zehn Dollar könne ich die Zöllner bestechen, das sei
kein weiteres Problem. Wieso nicht, wenn man diese Auskunft von so offizieller Stelle bekommt? Allerdings habe ich dann ein paar Tage später eine Israelin getroffen, die meinte, dass die Einreise tatsächlich kein
Problem sei. Schwieriger (und auch teurer) wird’s dann bei der Ausreise, weil man ja keinen offiziellen Stempel bekommen hat. So werde ich dann wohl den Umweg über Thailand machen, wo ich vielleicht auch das eine
oder andere Souvenir zwischenlagern kann. Auch sonst ist die Stadt (Kunming) recht freundlich und hat ein bisschen was "Südländisches". An allen Ecken hingen Plakette mit Jobs für Ausländer: Lehrer,
Barkeeper oder auch Popstars werden gesucht. Würde nicht mein Visum drängen, hätte ich mich bestimmt für alle drei Jobs gemeldet... Die Stadt hat sogar eine Fussgängerzone - sie ist 100m lang. (Das ist der Vorteil
an den Yunnan'schen Strassenschildern, die mit so hilfreichen Infos wie Strassenlänge und Himmelsrichtung etc beinahe überladen sind.) Von Kunming ging’s weiter nach Dali. Was eigentlich ein bisschen unsinnig
ist, wenn man es sich auf der Landkarte ansieht. Aber die Stadt ist eine der wenigen Orte in China, die wirklich alt und nicht rekonstruiert sind. Das gibt dem ganzen eine sehr spezielle und angenehme Atmosphäre.
Anderseits hat sich das herumgesprochen und es hat sich zu einer dieser Backpackerhängerdestinationen entwickelt, wie es so viele in Asien (und wohl auch im Rest der Welt) gibt. Dali hatte für mich auch aus einem
andren Grund eine spezielle Atmosphäre. Überall wo ich langging, hingen handtellergrosse Spinnen von den Telefonleitungen runter. Es war unmöglich sie zu zählen, aber sie waren in solchen Mengen vorhanden, dass sie
die Sicht zu stören begannen. Ich fühlte mich eher in einen Horrorfilm versetzt. Die Fotos werden das dann wohl besser zeigen können... Von Dali, wo ich nur kurz blieb, fuhr ich dann weiter nach Baoshan. Man
sagte mir, es sei etwa ein dreistündiger Trip auf der Autobahn... Ja, vielleicht in ein paar Jahren: die Autobahn war nur eine riesige Baustelle... etwa 200km. Jedenfalls brauchte ich zwoelf Stunden. Wobei natürlich
erwähnt werden muss, dass uns ein Bergrutsch kostbare Stunden stahl. (Die Chinesen bauen überall wunderbare Strassen durch ihre Berge, aber sie kommen nicht auf die Idee, die Hänge zu sichern. Deshalb hat mich bis
jetzt auf jeder Fahrt ein bisschen etwas an Steinen auf der Strasse aufgehalten.) Dieser Bergrutsch war allerdings ganz besonders stark, so dass der Bagger die grossen Steine nicht mehr bewegen konnte. Also musste
Dynamit her! Nun, als sie damit fertig waren, war auch die Strasse weg und wir mussten alle durch einen Krater auf die andere Seite der Strasse laufen, um dort einen anderen Bus zu besteigen... aber ich kam an!
Hier in Baoshan hatte ich vorhin sogar meine ersten sprachlichen Erfolgserlebnisse: ich habe eine Teepflückerin auf dem Weg von der Pagode runtergetroffen und ich habe mich mit ihr etwa 5 Minuten auf chinesisch
unterhalten, ohne dass sie bemerkt hat, dass ich nur die Hälfte verstehe. (Was ja auch nicht übel ist, wenn ich das hier selbstgefällig bemerken darf!) Die chinesische Sprache hat den grossen Vorteil, dass man, wenn
man etwas bejahen will, einfach das Verb wiederholen muss. Das Verb steht meistens an zweiter Stelle, so dass man, wenn man das zweite Wort wiederholt, nicht nur ja sagt, sondern auch den Eindruck erweckt, man könne
Chinesisch. Nun möchte ich noch ein Nachtrag zum letzten Mail machen. Ich habe noch einen Link verschickt, welcher aber auf unerklärliche Weise nicht bei allen angekommen ist. Es handelt sich um ein Bild, wie
ein paar Naxi's Hunde aufs Dach zerren. Ich habe den Link am Ende noch einmal beigefügt. Die, welche die Bilder gesehen haben, haben erstaunlich reagiert, so dass ich über den chinesischen Umgang noch ein bisschen
ausführlicher schreiben möchte. Zimperlich ist der auf keinen Fall. Gestern habe ich gesehen, sie Schweine an den Hinterbeinen (so in dem Stil wie wir Schubkarre spielen) herumgeschleppt wurden. Die Sau hat
furchtbar geschrieen. Daneben hatte eine ältere Frau gerade einem Huhn den Hals umgedreht, so dass es bis zu mir rüber knirschte und es danach ausbluten lassen, auf den Boden. Vorgestern ist mir eine fette Raupe
über den Weg gelaufen. Sie war etwa 7 cm lang. Wie ich sie betrachtete und mich fragte, wie sie wohl später als Schmetterling aussehen würde, kam ein Chinese zu mir und fragte mich, ob er sie mir auf dem Hals legen
sollte. Ich verneinte das verständlicherweise, darauf zertrat er sie und der Saft spritzte an meine Hose... Liebe Grüsse, Oliver
|