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Tibetische Adler und fotogene Mönche, Chengdu, 13.8.01

Liebe Freunde,
ein weiterer thematischer Block meiner Reise ist mit meiner Ankunft in Chengdu vorüber gegangen: nämlich die Durchquerung eines Berggebietes, welches traditionell von Tibetern bewohnt ist, jedoch dank der Divide-et-impera-Politik der Chinesen für uns Touristen auch ohne spezielle Bewilligung zugänglich ist. Diese Politik schlägt sich dann auch in den entsprechenden Backpackerscharren nieder, die durch die engen Hochtäler strömen.
Von Lanzhou, dem wüstentrockenen Ort, von dem ich Euch das letzte Mal geschrieben habe, bin ich nach Xiahe gereist. Wer diesen Ort auf einer Karte suchen möchte, sollte sich besser mit einer Lupe bewaffnen, denn nebst den 1000 tibetischen Mönchen und den Backpackern, wird der Ort von ein bisschen mehr Han-Chinesen bewohnt, die durch ihre ungehobelte Art den Charme des Ortes noch mehr beeinträchtigen, als die vielen Langnasen. Der Ort ist in zwei Hälften geteilt: in der einen wohnen die Chinesen in der anderen die Tibeter. Während die Sorge der ersteren in erster Linie darin zu bestehen scheint, eine breite Autobahn mitten durch den Ort zu ziehen, bilden sich zweitere in einem wunderschönen Kloster aus. Bei der Führung durch das Kloster drängte sich bei mir immer der Vergleich zu einer Uni auf. Schon alleine wie das ganze organisiert und in verschiedene "Dekanate" - wenn dieser eurozentrische Ausdruck hier einmal erlaubt sein möge - geteilt ist. Genauso können ältere Mönche professorengleich selbst den Unterricht erteilen.
Dieser Vergleich zum Campus drängte sich mir noch viel stärker auf, als ich nach Langmusi kam. Dieser sehr hoch gelegene Grenzort wird wohl weniger oft besucht und hat viel mehr von seinem eigentlichen Charme behalten. Vor allem die bizarren Berge, an denen die buddhistischen Kloster kleben, geben der Umgebung dieses aussergewöhnliche Flair. Wie auch immer: als ich mit einem meiner beiden Mitreisenden einen Berg besteigen wollte, wurden wir in ein laufende Zeremonie in einem Kloster eingeladen. In dem eher düsteren Raum schwangen die Mönche ihre Glöckchen und brummten irgendwelche Gebete. Ich fühlte mich dort ein bisschen seltsam: wie ein Fremdkörper, der sich diese Bräuche anstarrt und doch nichts versteht. Wie ich noch in diese Gedanken versunken war, stand plötzlich einer der Mönche auf und brachte einen riesigen Kessel voller Nudeln. Die Mönche holten aus ihren langen Kutten ihre Schüsseln raus, einer sah noch kurz auf sein Handy, ob ihn nicht doch jemand angerufen hatte. (Seltsam, denn ich hatte dort oben keinen Empfang!) Und dann ging das Geschmatze los: der Mönch, welcher uns gegenüber sass, schmiss sich mit den Fingern die Nudeln in Hoechstgeschwindigkeit in den Mund - dass er sich dabei die Finger immer wieder verbrannte, belustigte uns mehr als dass es ein Bedauern hätte auslösen können. Immer wieder wurde auch uns was angeboten. Ein Mönch, der in seiner weiten Kutte sogar eine so grosse Holzschüssel versteckt hielt, dass er für ein Jahr genügend Nudeln gehabt hätte, zeigte uns diese immer wieder: einmal, um uns was anzubieten, dann wieder um lustig zu zeigen, dass er einen grösseren Hunger als die anderen habe. Dabei blinzelte er lustig rüber.
Plötzlich war die Zeremonie vorbei. Ein paar der Mönche (alles Jungs um die zwanzig Jahre) gingen dann heraus und bliesen so eine Art Fanfare. Vielleicht ist auch der Vergleich zum Alphorn angebrachter. Jedenfalls ist es das gleiche Instrument, wie man in den Tibetfilmen immer wieder sieht. Sie baten uns, dass wir uns zwischen sie setzten und Fotos schössen. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass die älteren Mönche immer davonrennen, wenn man das Wort Foto auch nur andeutet. Jemand sagte mir, dass sie dadurch ihre Freiheit oder so was verlieren würde - aber die Quelle war nicht sonderlich vertrauenswürdig. Schliesslich erlaubten sie uns auch, selbst ein paar Töne auf dem Instrument zu blasen. Dieser Versuch ging kläglich in die Hose und die Klänge die dabei entstanden hätten eine Toilette mehr Ehre erwiesen als dem Kloster.
Nachdem wir unsere Adressen ausgetauscht hatten (denn die Mönche wollten natürlich, dass wir ihnen die Fotos zusenden), bekamen wir noch einen seidenen gelben Freundschaftsschal geschenkt - ein Gegenstand, der auf über 3000m sehr willkommen war. Wie wir den Weg weiter hochstiegen, entdeckten wir einen Lastwagen, der mit Ziegeln beladen war und irgendwie so von der Strasse abgekommen ist, dass man fürchten konnte, er würde bald in die Tiefe stossen. Um unseren Freundschaftsschal verdient zu haben, halfen wir den Mönchen den Lastwagen zu entladen. Dabei mussten wir uns jedoch ein bisschen aufdrängen, denn es kam immer wieder vor, dass sie meine Hände anschauten, und mich dann vom Lastwagen runterschubsen wollten. Ich blieb aber aufdringlich, denn die Arbeit gab schön warm... Freude hatten die Männer dann aber offenbar doch.
Der Weg führte dann weiter hoch auf einen Berggipfel. Ich schätzte ihn auf knapp 4000m, aber ich kann mich irren. Dieser Berggipfel hatte seine Besonderheit: Tibeter zerhacken ihre Verstorbenen und bringen sie auf den Berg und legen sie dort den Adlern vor, damit diese jene fressen. Ein in unserer Vorstellung befremdliches Ritual, das in mir ein noch grösseres Befremden auslöste, als die Gebete zuvor im Kloster. Als wir auf dem Berg ankamen, war jedoch gerade keine Zeremonie im Gang, sondern wir fanden nur ein paar Knochenteile mit verschiedenen Mengen Fleisch herumliegen...
Auf dem Berg trafen wir ein paar Chinesen, mit denen wir wieder runterliefen. Erstaunlich, dass uns dann plötzlich all diese tibetischen Mönche, die vielleicht in irgendeiner Tasche ein Bildchen des Dalai Lama trugen (dem Mann, der auch heute noch als Staatsfeind und Terrorist in China gilt) und die uns vorher so freundlich gegrüsst hatten, plötzlich ignorierten.
Nach Langmusi ging es weiter zu einem kleinen Städtchen namens Songpan. Der Ort ist bekannt für Horsetrekkingtouren. Hätte es nur einmal ein paar Minuten zu regnen aufgehört, hätte ich mich dazu bestimmt erweichen können. Stattdessen freundeten wir uns mit der Rezeptionistin des Hotels an und verbrachten eine kurze Zeit mit dem Hotelbesitzer in einer Karaokebar. Dieses Erlebnis lässt sich nicht leicht schildern. Dass die leere Karaokebar nicht nur alleine diesem Zwecke dienen konnte, erkannte man an den kleinen Seitenräumchen mit Betten. Das Highlight war jedoch der Besitzer selbst, der wie der Pate dasass und irgend einen Lakaien beauftrug, uns seine Kollektion an Japanerinnen, Chinesinnen oder was wir sonst gerade so wollten, vorzustellen. Bevor es jedoch so weit kam, hatten wir uns schon in unserem Zimmer verschanzt und stellten uns den Typen vor, wie er gerade den Auftrag gibt, ein paar umlegen zu lassen...
Tja, und dann ging’s eben nach Chengdu. Einer Grossstadt, wo ich mit zwei Mitreisenden ein Appartement teile. Dies mit dem Nachteil, dass wir unsere Freiheit eingebüsst haben, da das nette Fräulein, bei dem wir wohnen, sehr dominant ist und alles für uns organisieren wollte. Wer weiss, wenn ich das nächste Mal Ausgang bekomme, um meine Mails zu beantworten...
Liebe Grüsse,
Oliver


Schlafende Reisröllchen und hupende Mingwohnungen, Chengdu, 17.8.01

Hallo zusammen,
heute ist mein letzter Tag hier in Chengdu, bevor ich weiter nach Süden reise und die Stadt verlasse, deren Polizei mich drei Tage gekostet hatte...
Chengdu als Stadt ist eigentlich nichts wirklich Besonderes, man muss dem aber auch vorausschicken, dass eigentlich keine der Provinzhauptstädte etwas besonderes sein dürfte. Durch eine stark zentralisierte Stadtplanungspolitik (der selbe Stadtplaner in Peking und in Chengdu) sehen diese Städte eigentlich alle verwechselbar ähnlich aus. Dennoch ist Chengdu nicht gerade unfreundlich, zumal in der Innenstadt das Hupen bei 200Y (also rund 40 Franken - was hier eine Menge Geld ist) verboten. Das klappt und schont meine Nerven...
Doch diese Wohnung, welche ich mit meinen beiden Reisegefährten bezogen habe, lag leider etwas ausserhalb dieser hupfreien Zone. Immerhin hatten wir aber drei Zimmer und einen Fernseher mit DVD-Player, wo wir den neuesten Filmen huldigen konnten. (DVDs sind hier unglaublich billig und sehr populär. Und seit ich gestern Abend im Kino gewesen bin und auf einem etwas unscharfen, dafür wirklich grossen Fernseher, einen jämmerlichen Amistreifen geschaut habe, konnte ich verstanden, weshalb in China bisher noch niemand meine Meinung teilte, dass das Bild im Kino besser sei.)
Diese Wohnung war zwar innen sehr schön, aber entsprach aussen einer dieser 80er-Jahrbauten, die schon in den 90er-jahren so ausgesehen haben mussten, als seien sie Übrigbleibsel aus der Mingdynastie. Zu jener Zeit (ich meine nicht die Mingzeit!) war die Sozialgesetzgebung derart, dass alle grossen Firmen ihren Arbeitern Wohnungen zur Verfügung stellen mussten. Da das Staatsbetriebe waren, wohnten wir folglich auch in einer staatlichen Wohnung. Wenn ich da nun nicht etwas vermische, dann ist das der gleiche Betrieb, der heute diese billigen gefälschten DVD auf den Markt bringt... (übrigens: bemerkenswert finde ich, dass auch Mitarbeiter dieser Firma den Beitritt Chinas zur WTO begrüssen – lässt mich nach der Naivität der Leute fragen...)
Wem diese Wohnung gehören mochte, diese Frage gewann noch an Brisanz, als wir eines abends (eigentlich schon fast wieder morgens) nach Hause kamen und die Türe unabgeschlossen vorfanden. Bald entdeckten wir, dass in der Wohnung einiges anders war, als zum Zeitpunkt, als wir sie verliessen: es war erstaunlich aufgeräumt! Nichts böses denkend, begab ich mich zu meinem Schlafzimmer, stiess die Türe auf und erkannte im Halbdunkeln einen schlafenden Körper in meinem Bett. Nicht ganz so mutig wie es ein Filmheld an dieser Stelle tun würde, rief ich meinem Mitbewohner diese Neuigkeit zu. Da wachte der Chinese auf und rief was. Offenbar war er besorgter als wir und erklärte uns in hastigem Englisch, dass er der Bruder sei und hier wohne (und kein Einbrecher) und dass wir sehr willkommen seien (aber wer wir eigentlich seien?). Dazu gab er uns noch etwa zehn Mal die Hand. Damit hatte sich dann alles geklärt, der Schock gelegt, sich mein Bett auf das Sofa im Wohnzimmer verlegt und sich der Entschluss gefestigt ins Hotel zu ziehen; man will ja nicht stören...
Ansonsten ist hier alles in Butter. Vor ein paar Tagen habe ich sogar einmal den McDonalds ausprobieren (das erste Mal in China) und kann nun den BicMac-Index bekannt geben: 9.90Y (ca. 2 Franken). Achja, und gestern habe ich versucht einen japanischen Tag durchzuboxen. Utada Hikaru, Sushi und zum Abendessen japanische Nudeln. Erst als ich gesagt hatte, dass ich nun zum Abschluss noch Pearl Harbour sehen wollte, hat mich meine chinesische Begleitung fast stehen gelassen. Jaja, die imperialistische Vergangenheit...
Ob ich nun auf Chengdu einen Reiswein trinken gehen soll?
Oliver

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Xiahe

Tibetisches Kloster

Chinesischer Stadtteil

Langmusi

Gebäude im Dorf

Tibetische Mönche

Songpan

Schönste Stelle des Ortes....

Chengdu

Campus der Universität

Eine Sichuan-Oper

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