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Demonstratives Nierenversagen und wundgelegene Wahlkreise

Liebe Freunde,

nun bin ich schon seit einigen Tagen hier in Bangkok und habe genügend spannende Dinge erlebt, um schon ein erstes kurzes Mail zu schreiben.

Die Stimmung hier in Bangkok ist derzeit ein bisschen angespannt. Der Hintergrund sind die Wahlen, die morgen stattfinden. Der Thaksim, der Premier von Thailand hat vor ein paar Wochen das Parlament aufgelöst, da er nach einem Korruptionsskandal eine Regierungskrise ausgelöst hat. Man muss sich das so vorstellen: Es heißt, er habe Gelder in Milliardenhöhe veruntreut und so sich ein riesiges Imperium aufbauen können. Das hat noch niemanden so wirklich gestört, immerhin scheint das zum festen Bestandteil der thailändischen Innenpolitik zu gehören. Der Auslöser des Skandals war dann, als Thaksim diese angeblich gestohlenen Firmen verkaufen wollte und öffentlich erklärte, dass er als Regierungschef keine Steuern zu bezahlen brauche. Nun gibt es hier seit Wochen Demonstrationen. Wütende Menschen laufen durch die Stadt mit Spruchbändern. Was darauf steht, kann ich zwar selber nicht lesen. Aber gemäß den lokalen Zeitungen steht da ziemlich klar, dass er zurücktreten solle.

Die Wahl dürfte er aber trotzdem gewinnen. Und zwar weil er auf dem Land stimmen kaufen lässt. In der baz von heute stand sogar der Preis: 75 Franken gibt es für eine Stimme. Kein Wunder, dass hier ein großer Reiseboom eingesetzt hat und die Armen Leute zu tausenden aufs Land zurück in ihre Wahlkreise strömen. So viel verdienen die traditionell armen Bauern normalerweise selten. Aus diesem Grund hat die Opposition zum Boykott der Wahlen aufgerufen. Was nun morgen passiert, wird sich weisen. Unter den Eckspats, die ich hier getroffen habe, herrscht auf jeden Fall Alarmstimmung. Besonders ängstliche Leute glauben sogar, dass es in den nächsten Tagen zu einem Militärputsch kommen wird. Wie das ausgeht, weiß ich zwar noch nicht. Für mich spielt das ohnehin keine Rolle mehr: Am Mittwoch bin ich bereits in Laos. Und diese immer ängstlichen Expats darf man auf jeden Fall nicht zu ernst nehmen.

Doch vor ein paar Tagen habe ich einen Expats getroffen, den man ernst nehmen muss. Er ist ein 62-jaehriger Berner und arbeitet in einem Altersheim in Pattaya. Dort habe ich ihn besucht und mir die Lage angeschaut, unter denen die alten Leute leben müssen. Schön war das nicht. Leute kommen aus dem Krankenhaus und der ganze Rücken ist offen vom Wundliegen. Vor ein paar Tagen sei ein Mann aus dem Krankenhaus zurückgekommen, der am Rücken operiert worden war. Deswegen lag er mehrere Wochen auf dem Bauch und war offenbar nie umgedreht worden. So ist bei ihm ein Körperteil abgefault, das es ihm verunmöglichte, Wasser zu lassen. Nach wenigen Tagen war er tot: Nierenversagen. Vom Versagen im Spital sei kein Wort je erwähnt worden, klagt der Pfleger.

Trotzdem scheint es den meisten Leuten dort zu gefallen. Immer wenn dieser Mann zu seinen rund 300 Patienten kommt, lächeln ihm die schrumpeligen und zahnlosen Münder entgegen. Er setzt sich dann zu ihnen aufs Bett und streichelt ihnen über das Haar oder die Schultern. Und die Leute, die sonst nichts mehr haben, sind über diese Berührungen froh. Dazu muss man den Hintergrund sehen: Normalerweise gibt es keine Altersheime in Thailand. Die Leitung des Heimes sagte mir, dass es in ganz Thailand nur gerade 20 staatliche Seniorenheime gebe. Daneben noch etwa 10 private. Die Sorgen von Alten ist eine Sache der Familie. Deswegen können die Leute, welche einen Angehörigen pflegen, diesen auch Gewissenmaßen von den Steuern abziehen. Doch nicht alle haben Angehörige. Dieses stünde sonst nur noch der Weg auf die Strasse offen. Um dies zu vermeiden, gibt es eben solche staatliche Heime für Leute ohne Angehörige. Und das kommt den Staat nicht einmal sonderlich teuer zu stehen: Pro Patient und Tag kommt das Heim mit gerade einmal einem Franken aus, wie es aus der Heimleitung heiß. Eine Summe, von der unser explodierendes Gesundheitswesen träumen könnte. Trotzdem gibt es noch immer viel zu wenige Plätze, denn alte Obdachlose sieht man hier in den Strassen Bangkoks immer wieder...

So, nun schließt das Internetcafe wieder und ich sollte mal zurück in mein Hotelzimmer, das ich zurzeit mit einer Schweizerin teile, die ich aus meinem Reiseforum kenne (www.traveltalk.weltreiseforum.com). Das kommt zwar nicht viel billiger, aber immerhin haben wir zwischen den Zimmern so was wie eine Wand...

Macht’s gut und schreibt mal wieder,

Oliver

 

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Moloch Bangkok

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Starker Regen in der Hauptstadt

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Putzmann

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Pfleger Zimmernann bei seinen Kranken

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Altersheim in Pattaya