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Liebe Leute,
schon wieder ist Montag; und somit auch die ideale Zeit, um Euch einen weiteren kurzen
Reisebericht zukommen zu lassen. Schließlich weiß ich ja, wie sehr es alle schätzen, am Montag früh im Büro- zu sitzen und zwischen dem zweiten und dritten Kaffee Erzählungen aus exotischen Gegenden zu
lesen...
Mittlerweile bin ich in der laotischen Provinzhauptstadt Vang Viang. Hier hat sich viel geändert,
seit ich vor rund sechs Jahren das letzte Mal hier war. Während hier früher nur ein paar Imbissbuden waren und ein Fluss, auf dem man mit Schläuchen runterfahren konnten, hat sich hier ein regelrechtes
Tourismuszenter gebildet. Auf der vormals recht einsamen Flussfahrt finden sich nun etwa alle drei hundert Meter kleine Beizen, wo man Beer Lao bekommt oder von einer Holzkonstruktion ins kühlende Nass
springen kann (wenn nicht gerade andere Leute auf einem Schlauch durchfahren - da ist die Wahrscheinlichkeit groß, denn der Songfluss ist hier jeden Tag fast dichter beschwommen als der Rhein beim
sommerlichen Rheinschwimmen in Basel). Zuerst dachte ich, dass ich traurig werden würde, wenn ich sehe, wie sich das Dorf verändert hat. Aber eigentlich gefällt es mir auch so, wie es jetzt ist und von
meinen Erinnerungen hat es sich so sehr entfernt, dass ich nur noch mit intellektuellen Konstruktionen überhaupt noch an das anknüpfen kann, was ich damals gesehen und erlebt habe.
Doch nicht nur Vang Viang hat sich verändert. Auch die Hauptstadt Vientiane. Das Zentrum der
Stadt ist aufgewertet worden und das Land hat sich inzwischen gewaltig entwickelt. Im laotischen Kontext heißt das: Die vormals extrem ruhigen Strassen kann man inzwischen kaum noch überqueren. Und:
mittlerweile kommen ständig Bettler in die Restaurants auf der Sandbank am Mekong. Das gab es vor fünf Jahren noch überhaupt nicht und ich frage mich, ob das die Resultate der Reformzwänge durch die
Weltbank sind. Solange das kommunistische Land seine eigene Politik durchführen konnte, ging es zumindest den ärmsten zumindest wirtschaftlich besser.
Doch wenn wir schon bei der Politik sind. Hier in Laos herrscht so was wie ein Buergerkrieg. Die
Fronten sind eigentlich klar: bei der Staatsgründung 1975 durch die kommunistische Pathet Lao ist eines der vielen Völker hier vom Amerikanischen Geheimdienst mit Waffen und Finanzen ausgestattet worden.
Das ist im Rahmen der klassischen Dominotheorie zu sehen. Doch seit die Dominotheorie an Aktualität verloren hat, hat auch diese Unterstützung (vermutlich) aufgehört. Die Kämpfe jedoch nicht. Doch finden
diese auf einem sehr engen Raum statt, nicht sehr weit von hier. Dies ist in der Saisombun Spezialzone. Das wirklich bemerkenswerte ist jedoch, dass weder In- noch Ausland während dreißig Jahren etwas
davon mitbekommen haben. Erst vor etwa drei oder vier Jahren hat ein französischer Journalist sich in die Abgelegenen Gegenden gewagt, Fotos und Interviews gemacht und sich damit auch gleichzeitig einen
sehr begehrten Journalistenpreis eingeheimst. Seither sind verschiedene andere Journalisten dorthin gegangen und haben das alles bestätigt: Im Innern von Laos ist Krieg, die Leute sind abgeschlossen vom
Rest der Welt und manche Menschenrechtsorganisationen rufen mittlerweile aus, dass es sich hierbei um einen Genozid handle. Und wie gesagt: unter Ausschluss der Öffentlichkeit. In den gleichgeschalteten
laotischen Medien erscheint kein Wort von dem ganzen. Vor ein paar Tagen habe ich mit einer Laotin geredet, die hier in einem Krankenhaus arbeitet. Sie behauptete auch davon nichts zu wissen, aber es
kommen immer wieder Leute in ihr Spital, die angeschossen worden seien. Bemerkenswerterweise habe ich ein paar Tage später ihr englisch geschriebenes Tagebuch gesehen und darin stand, dass man mit
Ausländern über dieses Thema nicht sprechen solle, weil es vielleicht Spione seien. Nun hoffe ich, dass ich sie mit diesem Mail nicht in Probleme bringe.
Bevor ich am Mittwoch in Laos eingereist bin, habe ich in Thailand noch eine Reihe von Schweizer
Rentnern besucht. Das soll einmal einen Artikel für die baz geben. Denn Thailand ist zusammen mit den Philippen und den USA das beliebteste Auswanderungsland außerhalb Europas. Über 4000 Schweizer leben
in Thailand, hat mir gerade die Botschaft mitgeteilt. Allerdings ist nur ein Bruchteil davon im Rentenalter. Die Gründe dafür sind klar: Wer nur mit der AHV auskommen muss, kann sich in der Schweiz kaum
durchschlagen, in Thailand aber mehr oder weniger fürstlich leben. Der Ort, den ich besuchte, war eine kleine Siedlung auf dem Land in Zentralthailand. Sehr schön und ruhig gelegen - wie die Bewohner
immer wieder betonten. Denn schließlich seien sie nicht wegen des "Naitlaifs" hier und beginnen über die Vorteile zu schimpfen, die Ausländer über Thailand haben. "Zehn Prozent der
Bevölkerung des Landes lebt indirekt von der Prostitution. Aber nicht jede Thailänderin verkauft sich", heißt es dort etwa. Doch nicht lange geht’s, tauchen die gleichen Vorurteile wieder auf. Doch
ist nicht alles so gut wies aussieht. So erzählte mir einer der beiden Rentner, dass er keine Krankenkasse haben könne: die in der Schweiz nicht, weil er abgemeldet sei und in Thailand keine, weil die
hiesigen Kassen keine Kunden mehr über 60 aufnehmen würden. Für ihn spielt das aber keine Rolle: "Es ist immer noch nicht viel teurer, mir hier eine Vollzeitpflege zu leisten, als in der Schweiz die
Grundversicherung zu bezahlen". Nun schauen wir mal, wie sich das mit der AHV in der Schweiz entwickelt. Falls das System wirklich einmal zusammenbrechen sollte, ist hier schon vorgesorgt: In Huahin
entsteht ein regelrechtes Altersheim für Senioren, die auch pflegebedürftig sind, und in Chiang Mai gibt es seit Jahren ein Zentrum für Alzheimerkranke Schweizer. Und auch hier gilt, was ich schon beim
anderen thailändischen Altersheim geschrieben habe: Das ganze gibt’s zu Preisen von denen wir Schweizer nur träumen können.
So, nun muss ich mir mal wieder einen Rettungsring umbinden und hier in Vang Viang noch einmal
den Fluss runtersausen.
Man liest sich,
Oliver
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