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Zensierte Sommerspiele und Drogen dealende Uniparties

Liebe Freunde,

nun bin ich schon seit bald einer Woche in Peking und werde wohl noch rund eine weitere Woche bleiben.

Es ist immer interessant, in eine Stadt zurückzukehren, die man schon seit Jahren kennt. Für mich ist das nun das dritte Mal, dass ich innerhalb der letzten sechs Jahre in Peking bin. So lässt sich beobachten, wie sich die Stadt verändert, wie sich die Menschen verändern, wie die Dynamik der Stadt, die Hoffnungen und Ängste sich durch alle Bevölkerungsschichten zieht. Peking ist eine Stadt im Fluss und offenbar für viele ein Goldgräberort. Gerade die olympischen Spiele, die hier in zwei Jahren stattfinden werden, bewegen und verändern die Stadt. Dies nicht nur, weil Peking nun endlich ein angemessenes U-Bahnsystem bekommt (in rasantem Tempo werden hier in wenigen Jahren rund zehn neue Linien unter der Stadt durchgezogen - derzeit existieren drei). Sondern auch weil man ständig auf Leute trifft, die irgendwie in die Vorbereitungen involviert sind. Zum Beispiel dieser Pferdenarr. Seinen Namen konnte ich mir leider nicht merken und die Visitenkarte nicht lesen, aber er leitet eine der großen Pferdesportvereine hier in China und setzt sich für die Legalisierung von Pferdewetten ein. Dies sei eine tolle Sache: mit den Steuern und den Gewinnen könnten zum Beispiel Kinder- und Obdachlosenheime finanziert werden. Was aber der Wettfreund bei aller Begeisterung natürlich nicht erwähnte, ist das Riesengeschäft das dahinter steht. Nun jedenfalls versucht er und seine Organisation bei der Regierung zu lobbyieren und rechnet sich durchaus Chancen aus. Gleichzeitig ist er aber auch in diesem Komitee, welches für Olympia den Reitsport organisiert. Übrigens in Hongkong, weil man in Festlandchina angst habe, dass die Renntiere sich mit Krankheiten anstecken könnten...

Ich wohne hier in Peking im Chaoyang-Distrikt. Das ist nahe der Botschaften und gerade einen Block von der berühmten Sanlitun-Strasse entfernt. Sanlitun ist so was wie Roppongi in Tokyo, für die welche schon mal dort waren. So war diese Strasse die erste Gegend in Peking, wo Bars und Discos entstanden. Mittlerweile gibt es auch andere ähnliche Strassen, doch noch immer ist Sanlitun ein glitzerndes Nightlife-Gebiet mit all seinen Schattenseiten. Zum Beispiel werde auf dem kurzen Rückweg zu meiner Jugendherberge regelmässig von mindestens fünf ausschließlich schwarzen Drogendealern angesprochen. Am Wochenende sind es mehr und ich glaube, die wohnen auch alle bei mir in der Jugi, da dies der billigste Ort ist, wo man unterkommen kann. Das war vor Jahren noch nicht so schlimm.

Doch während sich immer mehr Kinder von Reichen leisten können nicht zu arbeiten und Tag und Nacht dort rumzuhängen, klafft die Schere zu den Armen immer weiter auseinander. Zum Beispiel zu den vielen Flaschensammler, die davon leben, dass sie gebrauchte Flaschen zurückbringen. Dabei geben 20 Flaschen gerade mal einen Yuan, also etwa 14 Rappen. Und zwischen den Sammlern herrscht ein großer Konkurrenzdruck. Es lohnt sich mal ein paar Minuten bei einem Abfalleimer in der Wangfuijiengstrasse (der Freien Strasse Pekings) stehen zu bleiben. Etwa alle zwei Minuten schaut jemand rein, ob eine neue Flasche reingeworfen wurde. Das ist meistens nicht der Fall. Deswegen bleiben die Leute dann auch gerne mal neben mir stehen und warten bis ich die Flasche leergetrunken habe. Das ist keine neue Erscheinung und ich habe früher schon davon erzählt, aber ich glaube, es hat massiv zugenommen. (Dem stimmt übrigens auch Xiaoxia zu, die derzeit ebenfalls in Peking ist.)

Was ich hier die ganze Zeit treibe, kann ich eigentlich nur sehr schwer in Worte fassen. Genau genommen hänge ich den ganzen Tag rum, treffe dann am Abend Leute und gehe aus. Zum Beispiel heute Abend bin ich auf eine Poolparty des Yale-Clubs Peking eingeladen. Yale kennt ihr ja, das ist diese amerikanische Uni. Im Club sind lauter ehemaligen chinesische Studenten von dort die mittlerweile häufig sehr gute Positionen in China innehaben. Der ganze Event dient dem Socialising und hilft allen, wichtige Kontakte zu knuepfen. Dies einmal von Nahem zu sehen, verspricht sehr spannend zu werden. Gestern war ich in einer nichtöffentlichen Vorführung der Pekinger Schauspielschule und habe dort ein Stück von einem mir unbekannten Autoren gesehen. Auch das Stück kannte ich nicht noch habe ich verstanden, worum es geht. Aber die Inszenierung war trotzdem spannend. Neben mir war diese Yale-Doktorantin, die mich eben heute eingeladen hat und machte die ganze Zeit Fotos, auf der anderen Seite eine Studentin dieser Schauspielschule und vielleicht ein künftiger chinesischer Kinostar. Diese Vorstellung ist das, was für mich die Zeit hier in China am faszinierendsten macht: wohl nur Aufgrund der Tatsache, dass ich ein Ausländer bin, habe ich hier viel leichteren Zugang zu solchen Gesellschaftsschichten und in mir regt sich da immer mehr die Vorstellung, dass ich doch noch die Sprache lernen sollte, ein bisschen länger hier bleibe und ein tolles Buch darüber schreibe. Das werde ich wohl nie tun, aber immerhin kann ich so die nächsten paar Tage bis ich Heimkehre noch meinen Gedanken nachhängen und mich ein bisschen damit amüsieren.

Und nun zu einem lustigen Thema: Wie ihr wisst, gibt es in China ein paar heiße Themen. Die beiden grössten Tabuthemen sind dabei die Falung Gong-Sekte und das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens vor bald zwanzig Jahren. Was genau passierte, das muss ich Euch nicht erzählen, denn das könnt ihr problemlos im Google nachschlagen. Ich jedoch nicht. Weil sich das Massaker vor ein paar Tagen gejährt hat, fürchtet die Regierung offenbar weitere Ausschreitungen. Zumal es hier in Peking eine Organisation der Mütter der damals getöteten Studenten gibt. Die Mütter verschwinden übrigens nach und nach auf mysteriöse Weise. Auch das findet sich im Internet, bloß in China nicht. Denn hier hat die Internetzensurbehörde nicht bloß alle Seiten mit fraglichem Inhalt gesperrt, sondern auch gleich noch alle wichtigen Suchmaschinen dazu. Was immer ich innerhalb der letzten 4 Wochen hier in China gesucht habe: immer gab es eine Fehlermeldung. Und das unabhängig davon, welche Suchwörter ich benutzte und von wo aus ich suchte. Das ist deshalb erstaunlich, weil Google, wie mehrere Tageszeitungen schon vor einiger Zeit berichteten, einen Deal mit den chinesischen Zensoren gemacht hat und damit ins internationale Kreuzfeuer gekommen ist. Offenbar ist diese neu errichtete Grosse Mauer doch noch zu durchlässig. Diejenigen, die solche Informationen überhaupt suchen, dürften auch in der Lage sein, herauszufinden, wie man im Netz die Zensur umgeht. (Das kann sogar ich und ich bin kein großer Internetspezialist...) Doch wer die Infos sucht, geht ein gewisses Risiko ein: jeder der in ein Internetcafe geht, muss sich ausweisen und wird registriert. Auch ich mit diesem Mail.

Gestern bin ich dann in den großen Buchladen an der Wanfujianstrasse gegangen. Gewissermaßen der Jäggi (wie heißt der Laden nun eigentlich?) von Peking. Wie auch immer: Das ist einer der wenigen Buchläden in China, welche importierte Bücher verkaufen. Die meisten englischsprachigen Bücher werden in China selbst hergestellt - und sind belangloser Schund. Doch im dritten Stock habe ich ein bisschen in den importierten Büchern geblättert, unter anderem auch in einem mit dem Namen "Peking Babies" in dem es vor allem um das etwas dubiose Nightlife hier geht. Und was sehe ich? Die Seite 30 ist mit einem weißen Papier überklebt. Auch alle anderen Ausgaben im Buchladen. Dann schaue ich mich um nach den Reiseführern. Vor allem nach Lonely Planet China vom dem hier kolportiert wird, dass er von der Zensurbehörde auf den Index gesetzt worden sei. Und tatsächlich: ich finde Japan, ich finde Korea aber keinen Führer für China. Was ich aber finde ist der Lonely Planet von Beijing und auch dort sind gewisse Sätze überklebt, wenn gleich gegen das Licht lesbar. Zum Beispiel dieser: "It’s not aloud to ride the bicycle across the Tiananmen Square, but tanks apparently are ok". Ich musste das gerade allen anderen Touristen und auch Einheimischen im Buchladen zeigen. Wie hatten einen Heidenspaß daran. Die meisten haben sich dann mit so einem zensierten Buch in der Hand ablichten lassen...

Nun muss ich mal wieder weiter bevor ich erwischt werde, wie ich über diese Tabuthemen berichte...

Liebe Grüsse,

Oliver

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In der Glitzerwelt von Peking...

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...leben immer mehr Arme.

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Klassische chinesische Musik...

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China zensiert das Internet...

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...und importierte Bücher.

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Schauspielschüler in der Central School of Drama