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26.9.02 Ostanatolische Teehäuser und VIP Daumen
Hallo Leute,
vor ein paar Tagen bemerkte ein Freund von mir, dass ich nie Politiker werden dürfe, denn dann hätte ich bald eine "Meilenaffäre" am Hals. Tatsächlich habe
ich nämlich vor ein paar Tagen meine Flugmeilen eingelöst und bin in die Türkei geflogen, um dort Mio wieder zu treffen.
Nach nur einem Tag in Istanbul (ich kenne die Stadt ja schon vom letzten Frühling) sind wir nach Kappadokien gefahren. Eigentlich wollten wir ja per Autostop dorthin
gelangen, da es in der Türkei nur Superdelux Busse zu entsprechenden Preisen zu geben scheint. Um das zu tun, liefen wir durch die halbe Stadt zur E5 und hielten dort eine Stunde den Daumen heraus, bis wir glaubten,
dass wir vielleicht auf der falschen Fahrbahnseite stünden und im Reiseführer nachlasen. Dem war nicht so, aber wir erfuhren, dass die Leute offenbar zum Autostoppen nicht den Daumen raushalten, sondern eine Art
Basketball spielten. Wir machten das, jedoch auch ohne Erfolg, so dass wir am Abend schliesslich den Nachtbus nahmen.
Kappadokien selbst ist eine wundersame Region im Zentrum Anatoliens, nicht so weit von Ankara. Vor ein paar Jahren (ich glaube so um die sechs Millionen) wurde die
ganze Gegend von einigen Vulkanen mit Asche eingepudert. Seither besteht die ganze Landschaft aus dem weichen Tuffstein. Das hatte zur Folge, dass schon die Haetiten vor 4000 Jahren erkannten, dass es leichter ist,
eine Höhle zu erweitern als ein sicheres Haus zu bauen. Seither ist die ganze Gegend löcheriger als ein Emmentaler geworden. Ganze Städte sind unterirdisch gebaut worden, die durch kilometerlange Gänge untereinander
verbunden sind und in Kriegszeiten ein absolut sicherer Zufluchtsort waren. Sie blieben auch etwa bis zur Gründung der Türkei besiedelt; doch durch das etwas traurige Kapitel mit den vielen ethnischen Umsiedlungen
bei der Gründung, kam es, dass sich die christlichen Bewohner plötzlich in Griechenland wiederfanden.
Da der Ort recht eindrücklich ist, wird er auch sehr häufig besucht und die ganze touristische Infrastruktur ist entsprechend gut. Wir hatten zum Beispiel ein ganz
romantisches Hotel, dessen Zimmer einfach in einen Felsen gehauen war, klassisch halt...
Nach zwei Tagen fuhren wir mit dem Bus nach Erzurum. Dabei sprachen wir beim Warten längere Zeit mit einem jungen ethnischen Armenier mit türkischem Pass. Er konnte
nicht viel mehr hervorbringen, als dass er sein Land wegen der Engstirnigkeit seiner Landsleute hasst und nun Englisch lernt, damit er möglichst bald auswandern könne. Wie auch schon alle Leute zuvor, warnte auch er
uns vor den schlechten Leuten im Osten, namentlich den bösen Kurden. Das stellte sich sowieso als ein Reisebegleitendes Prinzip heraus, dass alle Einheimischen zu glauben scheinen, dass die Leute im nächsten Dort
böse und kriminell seien. Kaum ist man jedoch in diesem angeblich bösen Dorf angekommen, wird man gleich zum Tee eingeladen, zum Backgammon aufgefordert und erlebt auch sonst die Freundlichkeit der lokalen
Bevölkerung.
Nach Erzurum, wo wir die Hauptzeit in Teehäusern verbrachten und es mit den Männern (es war wirklich nie eine andere Frau als Mio dort zu sehen) lustig hatten, fuhren
wir nach Yusufeli, der Stadt mit dem schönsten Namen Ostanatoliens. Hier gab es früher ein georgisches Koenigreich und im ganzen Tal gibt es über tausend Jahre alte Kirchen verstreut. Leider mussten wir feststellen,
dass es dorthin keine Transportmöglichkeiten gibt, so dass wir hoffen, dass diesmal unser Basketballspiel nicht missverstanden wird...
Oh, ein Auto kommt...
Bis bald,
Oliver
1.10.02 Ruinierte Militäreskorten und kurdische Sonnenuntergänge
Liebe Leute,
die Reise scheint immer interessanter zu werden. Schon in Yusufeli, von wo ich das letzte Mal geschrieben habe, hatte die Reise eine ausgesprochen politische Komponente
erfahren. Als wir nämlich nach Kars autostoppen wollten, hielt die Jandarma an. Auch wenn der Name schwer nach Polizei klingt, handelte es sich dabei um das im Osten omnipräsente Militär. In einem Lieferwagen, mit
einem Fahrer und drei bewaffneten Soldaten, die ihre Maschinengewehre nur aus der Hand liessen, wenn sie uns irgendwelche türkischen Leckereien anboten, fuhren wir zur alten georgischen Ishan Kirche hoch. Dass wir
uns die Kirche eigentlich schon am Vortag angesehen hatten, und die (angeblichen) fünf Kilometer zu Fuss auf dem Berg marschiert waren, liess sich angesichts dieser Freundlichkeit kaum erwähnen. Trotzdem war es ganz
gut, dass wir die Kirche (oder besser die Überreste derselben - besonders erstaunlich hierbei ist, dass die Wände ziemlich eingefallen waren, aber die Decke mit ihren rund tausendjährigen Fresken noch intakt war)
schon vorher genauer angeschaut haben, denn in militärischen Manier hatten wir nur fünf Minuten Zeit, bis der Wagen diese wilde Bergstrasse wieder runterfuhr. Angesichts der Verkehrsdichte (ca. 1 Auto pro zwei
Stunden) kann man sich dort oben keine Mitfahrgelegenheit entgehen lassen.
Schliesslich wechselten wir in einen normalen PKW, der uns bis fast nach Kars brachte und dessen Fahrer sich spontan als Geschäftsmann outete, indem er uns am Ende
einen nicht zu geringen Fahrpreis verlangte. Müde von der Hitze und der kurvigen Strasse, liessen wir uns auf keine langen Diskussionen ein und bereicherten den armen Talbotfahrer.
Die erwähnte politische Komponente zeigte sich in Kars noch viel stärker als zuvor. Als wir nämlich nach Ani fuhren, (das ist eine Stadt, die eine ähnliche Grösse und
Wichtigkeit wie Istanbul gehabt bevor sie vor rund tausend Jahren von den Mongolen “geleert” worden ist und die seitdem niemand mehr angefasst hat) zeigte sich das türkische Militär wieder von seiner besten Seite.
Diesmal in Form von Strassensperren und Passkontrollen. Wissen muss man, dass Ani so nahe an der armenischen Grenze liegt, dass man vom Minarett mit der zerfallenen Treppe in das andere Land spucken könnte, käme man
nur dort rauf. Entsprechend der schlechten Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien ist der ganze Grenzgürtel ein erstklassisches Militärsperrgebiet, so dass auf der ganzen Geisterstadt Soldaten rumspuken.
Eigentlich sollten sie aufpassen, dass man nicht fotografiert oder durch den Fluss ins andere Land schwimmt. Da diese netten Soldaten aber in dieser Einöde nichts Spannenderes als die wenigen Touristenbesuche haben,
ist die Gefahr geringer, dass man beim fotografieren erwischt wird, als dass man einen ausgesprochen gesprächigen Soldaten nicht mehr los wird.
Nach Ani und Kars sind wir nach Dogubayazit gefahren. Dem Grenzort zum Iran. Auch hier an allen Ecken Passkontrollen, diesmal weil die Leute hier sich weniger als
Bergtürken (so die offizielle Bezeichnung) denn als Kurden fühlen. Die PKK und die Kurden sind hier stark, so dass es eine starke Gegenmacht braucht, um sie wirksam unterdrücken zu können - was man sehr leicht sehen
kann. Die PKK hat in ihrem "Freiheitskampf mit Terror" dem zweiten Teil offiziell abgeschworen, so dass sich einigermassen sicher reisen lässt. Auch sind wir einmal mit einem Juristen essen gewesen, der
sich als ein Parlamentarier der kurdischen Arbeiterorganisation bezeichnete - erstaunt war ich, dass diese Organisation im Parlament vertreten sein soll. Vielleicht habe ich auch etwas missverstanden...
Und wieder ging es weiter nach Van. Vor knapp hundert Jahren soll in dieser Gegend einer der grössten Genozide des Jahrhunderts stattgefunden haben. Laut armenischen
Quellen, sollen rund 3 Millionen Armenier von den Türken niedergemetzelt worden sein. Hier in Van gibt es neben der modernen Stadt auch eine alte, die ein Schauplatz dieser Tragödie gewesen sein soll. Mit russischen
Unterstützung sollte hier 1915 eine armenische Republik ausgerufen werden, welche dann militärisch niedergemacht wurde. Dabei wurde die Stadt je nach Sichtweise entweder von den Türken oder den Armeniern zerstört.
Heute sieht man nur noch ein grosses Ruinenfeld (von welchem man ironischerweise die wundervollsten und romantischsten Sonnenuntergänge in der Gegend sehen kann – entsprechend wird der Hügel auch von jugendlichen
Pärchen besucht). Dafür kann man in Van etwas anderes sehen: nämlich den Beweis, dass in Wirklichkeit die Armenier die Türken niedergemacht hätten und nicht umgekehrt: im örtlichen Museum sind nämlich rund zehn
Skelette und russische Patronenhüllen ausgestellt, die beweisen sollen, dass die Armenier einen Genozid begangen haben sollten. Wie viel an der ganzen Sache wahr und was Propaganda ist, lässt sich schwer beurteilen.
Doch scheint mir die armenische Seite plausibler, zumal ähnliche Probleme bei der Gründung der modernen Türkei mit anderen Volkern (Kurden und Griechen) zu verzeichnen sind. Wie auch immer: da die Türkei sich mit
dem Gedanken schwer tut, auch nur einen Armenier auf dem Gewissen zu haben; und da Armenien nicht nur ein Geständnis, sondern auch eine Entschuldigung fordert, sind die heutigen Beziehungen noch immer auf dem
Nullpunkt. Fragt man jedoch Leute hier, wieso Armenien und die Türkei keine diplomatischen Beziehungen pflegten, heisst es, dass das das Problem des russischen Ölimperialismus sei, der es Armenien nicht erlauben
würde, mit der Türkei in Kontakt zu treten...
Wohin wir uns von hier wenden ist noch nicht ganz klar. Ein aktueller Favorit ist momentan der Iran, doch hängt das von der Visumsituation ab. In der iranischen
Botschaft werden die Visaanträge ausgesprochen willkürlich behandelt und mancher Traveller hat schon den Verdacht geäussert, dass einfach gewürfelt werde. Doch davon kann ich Euch das nächste Mal erzählen.
In dem Sinne,
Oliver
8.10.02 Schweinische Visareien und kartenspielende Kopftücher
Hallo Leute,
da dies hier das erste Internetcafe ist, das ich seit meiner Einreise in den Iran gesehen habe, nahm ich die Gelegenheit wahr, um ein kleines Mailchen an alle zu
schicken. Ich bin zwar erst seit ein paar Tagen im Iran, doch so vieles ist so sehr anders als ich es mir vorstellt habe und das lässt mir keine Ruhe, bis ich davon berichte. Ich bitte deshalb um Nachsicht, dass ich
schon wieder mit meinen Geschichten aus der Ferne langweile.
Nunja, der erste Eindruck von Iran war eigentlich die Botschaft in Erzurum. Wir hatten grosses Glück und dieser Eindruck wurde für ein guter – normalerweise äussern
sich die meisten Touristen eher negativ dazu, wieder andere geben es gleich auf und reisen nach Syrien oder in ein anderes "anständiges" Land, ohne dabei zu ahnen, was sie verpassen. Die Sache ist nämlich
die, das die ganze Visumgeschichte eine grossangelegte Schweinerei ist. Die Bestimmungen, wer ein Visum bekommt und wer nicht, sind alles andere als klar. Viele Leute gehen auf die Botschaft, und werden dort vom
Botschafter höchstpersönlich darauf hingewiesen, dass sie mit einer "geführten Tour" reisen müssen. Das ist natürlich nicht wahr. Etwas anderes müssen sie jedoch tun: ein Reisebüro aufsuchen (der
Botschafter gibt die Adresse und betont, dass es kein anderes sein könnte) und einen Aufpreis von 80 Dollar für die besagte "geführte Tour" hinblättern, die aber letztlich nichts anderes ist, als ein
Bestechungsgeld, welches sich der Botschafter und das Reisebüro teilen. Gemäss einem Hotelbesitzer an der Grenze zum Iran (auch dort wo sich das Reisebüro befindet) hatten wir das Glück, dass es offenbar eine Quote
dafür gibt, wie viele Leute mindestens ein Visum bekommen sollen. Es lässt sich also leicht verstehen, dass man auf der türkischen Seite viele Schmähreden hört. Weshalb wir keine Probleme hatten, weiss ich nicht.
Vielleicht hat es sich ausgezahlt, dass wir uns richtig gekleidet haben und Mio im Mantel und mit Kopftuch erschien... Für diejenigen Leser, die selbst in der Türkei ein iranischen Visumbeantragen wollen: momentan
scheint dies in den Botschaften von Ankara und Trabzon (!) am einfachsten zu sein.
Als wir dann im Iran angekommen sind, erwies sich alles als viel einfacher, als wir es uns vorgestellt haben. An der Grenze rief der Grenzwächter "Tourista,
Tourista" und schon hatten wir die lange Kolonne an wartenden Einheimischen überholt und waren beim Zoll. Wider Erwarten fragte der uns nicht, ob wir Alkohol oder Bilder von Frauen mithatten, sondern eher wie
es uns geht, wohin wir reisen, was wir so tun und so weiter.
Per Bus fuhren wir nach Tabriz, der Hauptstadt der aserbaidschanischen Minderheit im Iran. Dort beginnen wir gleich die erste Todsünde und können von Glück reden, dass
wir nicht gesteinigt worden sind. Nein, im Ernst: als wir auf den Bus warteten, wollten wir aus alter Gewohnheit im Restaurant Karten spielen. Das erweckte aber den Zorn des Besitzer und wir wurden auf direktem Weg
rausgeworfen. Erst später erfuhren, dass das Schach das einzige Spiel ist das in Iran erlaubt ist. Wieso? Keine Ahnung, aber kurz vor seinem Tod hat der grosse Imam Khomeini Musik und Schach ausdrücklich erlaubt,
vielleicht weil er dieses Spiel selber sehr schätzte, wie ein Iraner uns schmunzelnd erklärte.
Khomeini ist der grosse Mann im Land, auch wenn er schon seit rund 20 Jahren tot ist. Man sieht sein Bild etwa gleich oft wie Mao in China, Atatürk in der Türkei und
Lenin in der Sowjetunion. Wie sehr er heute noch verehrt wird, lässt sich sehr schwer abschätzen. Ich bin jedoch noch keinem begegnet, der enthusiastisch von ihm sprach. Vielleicht hängt das aber auch mit der
Sprachbarriere zusammen.
Er hat den Islam in einer recht strikten Form zu etablieren versucht, einer Form, die sich in den Jahren nach seinem Tod nicht halten liess. Deshalb ist heute alles
viel offener. Der Schleier der Frauen mag dies sinnbildlich verdeutlichen: natürlich wird er zwar nach wie vor von allen Frauen getragen, jedoch oft so weit hinten, dass man schon bald eher von einem Schal als von
einem Schleier sprechen kann. Ein Traveller, der schon mehrmals im Iran gewesen ist, meinte, dass der Schleier jedes Jahr etwa ein bis zwei Zentimeter nach hinten wiche... Mal sehen, was noch kommt. Man kann auch
mit Leuten über Religion diskutieren, auch in wenig dogmatischer Weise. Allgemein ist der Islam viel weniger präsent, als ich es mir vorgestellt habe. Ich habe zum Beispiel noch nie Leute auf der Strasse beten
sehen...
Wie auch immer Tabriz war eine touristische Enttäuschung, wären da nicht überall die netten Leute gewesen. Die einzige Sehenswürdigkeit der Stadt wird nun schon seit
bald 10 Jahren renoviert. Dafür war Hamadan, mit einen riesigen Höhlen, wunderbar. Auch Esfahan, wo ich nun bin, ist eine wundervolle Stadt. Der riesige Platz mit verschiedenen Moscheen gleicht den Bildern aus 1001
Nacht, auch wenn diese ein bisschen wo anders entstanden sind.
Hier traf ich vorhin einen Teppichverkäufer, der mir erzählte, dass er jemanden aus Muttenz kennen würde. Das liess mich aufhorchen, da auch ich dort Bekannte habe. Und
tatsächlich bin ich hier in der Ferne auf jemanden gestossen, der mit mir gemeinsame Freunde hat.
Wie auch immer... es gäbe noch viele kleine Geschichten zu erzählen, aber ich habe meine Zeit am Netz jetzt schon überzogen...
Wünsche Euch allen also alles Gute und man sieht sich...
Gruss,
Oliver
19.10.02 Kühle Gräber und zuckersüsse Volvos
Liebe Freunde,
mittlerweile bin ich von meinem ereignisreichen Trip nach Hause gekommen und sitze an meinem Computer, um Euch Schoggi essend von meinen letzten Erlebnissen zu
berichten.
Das letzte Mal habe ich mich aus Esfahan gemeldet. Von dort sind wir weiter nach Yazd gefahren, einer iranischen Wüstenstadt mit einer recht ausgedehnten Altstadt
voller engen Gässchen, verwinkelten Ecken und den omnipräsenten Kühltürmen. Da es in der Gegend sehr heiss werden kann, wurden die Häuser traditionell mit speziellen Aufsätzen versehen, welche die Luft in die
Gebäude umleiten und dank der damit erreichten Zirkulation wohltuend kühlend wirken. Da ich aber sowieso in einem klimatisierten Hotelzimmer wohnte, hatten diese Türme für mich nur eine architektonische Bedeutung.
Ich höre schon fragen, weshalb ich denn in einem klimatisierten Raum hauste. Normalerweise mag ich das nicht sonderlich, da ich mich so schon mehrmals erkältet habe, zu
dem ist Yazd zu dieser Jahreszeit auch nicht mehr heiss. Der Schlüssel zu dieser Frage liegt in der iranischen Tourismuspolitik. Ähnlich wie in anderen Ländern auch (China, damals Russland, mittlerweile teilweise
auch in Indien) werden Touristen von offizieller Seite als reine Devisenquellen betrachtet, die es zu schröpfen gilt. Anders als in den übrigen Ländern, wo man insbesondere bei den Sehenswürdigkeiten vielfach bis
zum zwanzigfachen dessen hinblättern muss, was die Einheimischen für das gleiche bezahlen, gilt dieses System im Iran vor allem auch in Hotels. Von Staats wegen werde die Hotelbesitzer angehalten, den Ausländern
horrende Preise abzuknüpfen (zum Beispiel 2$ versus 15$ in einem Hotel in Yazd). Möchte man also eine preiswerte Unterkunft suchen, folgt daraus die nicht gerade logisch klingende Konsequenz, dass man in teureren
Unterkünften häufig preiswerter unterkommt als in billigeren. Denn immerhin ein paar Hotelbesitzer kennen die Marktmechanismen gut genug, um zu wissen, dass sie die wenigen Ausländer nur zu sich locken können, wenn
sie sie annähernd mit den Einheimischen gleichstellen. Das Problem ist nur jeweils, diese Orte zu finden...
Wie auch immer, von Yazd, sind wir dann nach Shiraz weitergereist. Auch Shiraz ist eine Wüstenstadt und liegt in unmittelbarer Nähe von Persepolis, der alten persischen
Hauptstadt. Wenn man eine falsche Etymologie im Kopf hat (nämlich Per-se-polis, womit man wohl ähnlich daneben liegt wie der gute Philosoph der vor vielen Jahren meinte: "Persone est quid per se una est"),
dürfte diese über zwei Tausend Jahre alte Stätte ein bisschen enttäuschend sein. Nur wenig hat der Zahn der Zeit nicht weggefressen und die ganze Anlage ist eher kleinräumig. Dennoch gibt es viele wunderbare
Einzelheiten, die eine genauere Betrachtung alleweil wert sind. So gibt es zum Beispiel bei einer Treppe diverse antike Völker, die dem Perserkönig Geschenke bringen – auch sie müssen Treppensteigen...
In Shiraz liegen auch die Gräber von berühmten persischen Dichtern und Heiligen. Die Namen hier aufzuzählen, macht wohl wenig Sinn, da ich annehme, dass sie den
wenigsten der Lesern bekannt sein werden. Viele dieser Gräber sind sehr prachtvoll ausgestattet und man kann die Verehrung, welche die Besucher ihnen entgegen bringen noch immer sehr gut spüren. Als wir zum Beispiel
zu einem Grab gingen, meinte ein iranischer Tourist, dass wir dort nicht rein gehen dürften. Da aber die Kinder meinten, wir sollten trotzdem gehen und der bärtige Mann auch keinen vernünftigen Grund nennen konnte,
liessen wir ihn einfach stehen und versuchten es noch einmal. Diesmal wurde Mio darauf hingewiesen, dass sie einen Chador anziehen müsste. Das ist dieses schwarze Tuch, welches hier im Westen so stereotypisch für
den Iran ist. Mit diesem neuen Outfit und dem Drängen der Kinder versuchten wir es noch einmal. Während Mio diesmal reinkam, wurde ich von einem Businessmann wieder rauskomplimentiert. Es stellte sich heraus, dass
er meinen etwas schmutzigen Discovery-hut der Würde des Begrabenen nicht entspreche. Also zog ich ihn aus und diesmal gelangten wir ohne Probleme in den riesigen Innenhof und sogar in die „Grabkammer“, die mit
allerlei kleinen Spiegeln ausgeschmückt war und wohl zu einem der eindrücklichsten Innenräumen gehörte, die ich je gesehen habe. Doch als ich dann staunend in der Mitte des Raumes stand, wurde mir klar, weshalb es
vielen Leuten nicht so passte, dass wir da rein wollten: während wir nur baff dastanden, küssten andere Besucher den Totenschrein, die Türknaufe oder auch einfach nur den Boden...
Nach ein paar Tagen hiess es dann wieder nach Hause zu gehen. Dummerweise hatte ich meinen Rückflug von Ankara, was vielleicht etwa drei Tausend Kilometer von Shiraz
liegt. Um die Distanz schnell zurück legen zu können, verabschiedete ich mich von Mio (die sich weiter auf den Weg nach Pakistan und Afghanistan machte) und flog nach Tabriz zurück. Von dort aus ging es mit dem Bus
quer durch die Türkei. Das ist eigentlich schade, denn das Busfahren im Iran ist recht abenteuerlich. Anders als in der Türkei, wo man nur VIP-Busse bekommen kann (entsprechen teuer und vollgespickt mit
unfreundlichen Verboten wie kein Handy oder kein Schuhe- ausziehen, was auf langen Distanzen besonders ungemütlich ist...) gibt es im Iran zwei Busklassen: Superdelux und Volvo. Der Unterschied hier besteht, anders
als es der Name erahnen lässt, weniger in der Fahrzeugmarken als im Alter derselben. Wählt man die Volvoklasse, kommt man leicht auch in einen Mercedesbus, der aber selten älter als 10 Jahre ist. Anders die
Superdeluxbusse, von denen wohl auch die jüngsten mindestens dreissig Jahre alt aber dennoch bedeutend bequemer als die alten sind. Zudem sind an allen Ecken farbige Lichter angebracht: so leuchten manche
Scheinwerfer in blau, während andere in violett oder grün die Gegend erhellen. Das Innere, dieser alten Busse, welche so sehr an deutsch Heimatfilme aus der frühen Nachkriegszeit erinnern, wird nachts mit diversen
roten Lichtern beleuchtet, so dass ich bisweilen das Gefühl hatte, ein Fotolabor rausche vorbei. Mio hingegen fühlte sich eher an diese typischen chinesischen Frisörsalons erinnert, in denen junge Mädchen im roten
Licht warten und auf keinen Fall bereit sind, jemandem die Haare zu scheiden...
Wie auch immer, nach etwa 40 Stunden reisen, kam ich in Ankara an. Recht müde sah mir die Stadt an und sie erinnerte mich besonders in ihren alten Gebieten recht stark
an das sympathische bulgarische Plovdiv. Am eindrücklichsten fand ich das überdimensionierte Migrosgebäude. Wer wusste schon, dass es diverse Migrosfilialen in der Türkei gibt. Umso erstaunlicher ist, dass dort die
Migros ein Luxusgeschäft ist, nicht so wie bei uns. Dann flog ich nach Hause...
In den Mails, die ich bekommen habe, wurde ich ein paar Mal gefragt, ob es möglich ist, mit Iranern Kontakt aufzunehmen. Darauf muss ich antworten, dass es im Gegenteil
schwierig ist, der ständigen Gastfreundschaft zu entkommen. Nicht nur, dass man auf der Strasse alle zwanzig Meter von jemanden angesprochen wird (dabei ist es den Leuten ganz egal, ob wir ihre Freundlichkeiten
verstehen können oder nicht: sie sprechen einfach munter in Farsi drauflos); man wird auch an allen Ecken eingeladen. In Esfahan wollten uns ein paar Leute in eine private Disco mitnehmen. In Shiraz trafen wir einen
achtzehnjährigen Jungen an, der regelmässig Touristen zu sich einlädt, um sie unter den Tisch zu saufen, wie er stolz erzählte. Jaja, Alkohol ist zwar streng verboten, doch irgendwie scheint jeder ein paar
Geschichte zu dem Thema auf Lager zu haben. Im Flugzeug tauschte der Steward von Air Iran seine eMailadresse mit mir aus und meinte, dass ich bei ihm in Tehran wohnen könne, wenn ich das nächste Mal im Iran sei. In
Yazd zum Beispiel haben wir die sechzehnjährige Mina kennengelernt. Um ihr Englisch zu vervollkommnen, fährt sie in ihrer Freizeit mit ihrem Vater im Auto herum und lädt Touristen zu sich nach Hause ein und bewirtet
sie. So verbrachten auch wir einen ganzen Nachmittag mit ihrer Familie und diskutierten über vieles. Am Abend fuhren sie uns noch zu diversen Sehenswürdigkeiten und auch dort wurden wir köstlich bewirtet. Vielfach
mit ausgesprochen Leckeren Süssigkeiten. Vielleicht weil im Iran sonst alles verboten ist, was Spass macht, hat sich eine unglaubliche Fülle an wundervollen Desserts entwickelt (die im übrigen im Kontrast zum etwas
eintönigen Essen steht, das man sonst in den Essläden findet).
Wie auch immer: mein Mail ist jetzt schon übermässig lange und auch wenn es noch viel zu erzählen gäbe, höre ich hier lieber auf. Einzig bleibt die Frage für mich noch:
wenn bei all dieser Freundlichkeit und Güte im Iran das Land ein Teil einer Achse des Bösen sein sollte, dann frage ich mich, kann da eine Achse des Guten überhaupt noch besser sein...?
Ich hoffe man sieht sich bald einmal wieder, Oliver
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