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Japan 2003

21. September 2003: Misslungene Daumentheater und heimatlose Feuerwerkskörper

Hallo zusammen,

lange ist’s her, seitdem ich mich das letzte Mal gemeldet habe. Allerdings sind auch nicht so viele spektakuläre Dinge geschehen, die es zum erzählen gedrängt hätten. Ich wohne noch immer bei der Familie Sato, also den Eltern von Sanae. Von hier aus unternehme ich verschiedenste Ausflüge und spreche noch immer mit Mama jeden Tag zwei Stunden Japanisch in der Küche…

Mein letzter Trip hat mich nach Kyoto gebracht, von wo ich nach einer Woche erst gestern mit großen Anstrengungen zurückgekommen bin. Dass ich es überhaupt wieder nach Hause (Tokyo) geschafft habe, ist nämlich deshalb ein bisschen erwähnenswert, weil ich dachte, dass ich mir die Rund hundertfränkige Zugfahrt sparen könnte, wenn ich die rund 400km per Autostop zurücklegen würde. Gedacht, getan! Am nächsten Morgen stand ich also am Minami Kyoto Iriguchi, also der Autobahneinfahrt im Süden und präsentierte den vorbeihuschenden Wagen meine beiden wundervoll gezeichneten Kanji: Tokyo. Als nach fast einer Stunde noch immer niemand anhielt, versuchte ich es bloß mit dem Daumen. Das klappte ein bisschen besser, denn bald hielt eine Frau an und wollte mich nach Osaka mitnehmen. Wie schade, dass das die falsche Richtung war. Ich warte verunsichert weit! er, nach ein paar Minuten hielt jemand an, der nach Kobe wollte (auch falsch Richtung), dann noch einmal nach Osaka. Da drängt sich die Frage auf, ob ich nicht an der falschen Einfahrt stehe, aber ich war offensichtlich richtig. Ich entschloss mich also, einfach das nächste Auto zu nehmen, egal wohin – ratet mal: genau, nach Osaka. Da das aber die falsche Richtung war, bat ich den Fahrer, auf der nächsten Tankstelle zu halten, wo ich dann über eine Brücke wenigstens Autos hatte, die dorthin fuhren, wo auch ich hinwollte. Nach rund einer Stunde hielt jemand an, der mich dann rund 30km mitnahm. So wiederholte sich das den ganzen Nachmittag, während am Horizont der Taifun bedrohlich aufzog und mich dann (in der Nähe von Nagoya)  zwang, den nächsten Shinkansen (der japanische TGV) nach Tokyo zu nehmen. Nunja, der Zug ist tatsächlich recht eindrücklich, letztlich aber hat die ganze Autostoperei nebst meiner Geduld, viel mehr gekostet, als wenn ! ich von Kyoto direkt einen billigen Bus genommen hätte. Ich frage mich nun natürlich, was ich falsch gemacht habe, zumal das Internet mit Reiseberichten voll ist, in denen Autostop als das ideale Transportmittel bezeichnet wird. Vielleicht war ich auch bloß zur falschen Zeit (immerhin Samstagnachmittag, wenn die Jungs ihre Mädchen aufs Land ausführen) am falschen Ort…

Nichtsdestotrotz: Die Stadt Kyoto mit ihren 2000 Tempeln und Schreinen, ist auf jeden Fall höchst sehenswert. Muss allerdings gestehen, dass ich nun eine ziemlich Tempel- und japanische Gärtenphobie habe und beides wohl für ein paar Wochen oder Monate nicht mehr sehen kann…

In Kyoto wohnte ich bei einem japanischen Slawistik und Germanistikstudenten. Er studiert an einer renommierten Uni in Kyoto und es war daher entsprechend spannend, mit ihm zusammen über Geschichte und Literatur zu diskutieren. Einmal erzählte mir jedoch etwas, was mich ein bisschen stutzig machte: unter den Brücken Kyotos gibt es (wie mittlerweile in fast allen größeren Japanischen Städten) kleine Hüttchen, in denen Obdachlose wohnen. Nozomu, der Student, meinte, dass diese Leute dieses Leben freiwillig gewählt haben. Ich fand, dass das ein bisschen allzu sehr nach Bohemianromantik klang und entschloss mich, der Sache auf den Grund zu gehen. So besuchten wir also am nächsten Morgen die „Homeless“ und sprachen mit ihnen. Das heißt, Nozomu sprach, denn ich bin noch nicht gut genug für so schwierig Dinge. Dabei stellte sich heraus, dass er doch! bis zu einem gewissen Grad recht hatte: den Menschen werden von der Regierung immer wieder Wohnungen und Jobs angeboten, die sie jedoch ablehnen, da sie kein „normales Leben“ mehr führen wollen. Seit es in Japan überall Konubini (von Convenientstore: Tankstellenshop ohne Tankstelle) gibt, die Abends das alte Essen rausstellen, müssen sie nicht mehr hungern. Die Regierung würde die Krankenkosten übernehmen, so dass sie zum Überleben überhaupt kein Geld brauchen würden. Trotzdem würden viele einem kleinen Job nachgehen, erzählte uns eine Sozialarbeiterin, damit sie sich Alkohol kaufen könnten. Die meisten würden im Abfall nach Elektronik suchen, die sich irgendwie verwerten ließe. Die gleiche Sozialarbeiterin wusste auch, wieso fast keiner der Versuche der Regierung, den Menschen ein normales Leben zu ermöglichen, scheiterten: viele hätten in ihrem Leben große Fehler gemacht. Nicht unbedingt verbrechen, sondern vielmehr hätten sie vor ihrer Familie die Ehre verloren und würden sich ! nun nicht mehr nach Hause wagen. Vielleicht, so habe ich mir darauf überlebt, sind die Obdachlosen nun also die neuen Samurais Japan: doch statt Harakiri zu gehen, bauen sie sich eine kleine Hütte…

Nun will ich, wenn der Regen mal wieder nachlässt, auch einmal eine „Homeless“-Siedlung in Tokyo besuchen. Mal schauen, ob ich dort auf die gleichen Resultate komme…

Wie gesagt, die längste Zeit, seit dem letzten Mail, habe ich hier in Tokyo verbracht. Ich treffe mich mit Freunden oder gehe mit Sanae aus. Vor einer Woche sind wir an ein Feuerwerk gegangen, zudem ein Freund von ihr persönlich eingeladen hatte. Dieser Anlass war aus mehreren Gründen erstaunlich und bemerkenswert. Denn das Feuerwerk glich durchaus nicht vergleichbaren Anlässen in der Schweiz. Vielmehr war es ein Lehrfeuerwerk. So bekam jeder am Anfang einen Flyer mit den Namen der gängigen Feuerwerkarten. Danach wurden die Raketen einzeln und mit großem Abstand abgelassen, wobei einer mit dem Mikrophon vor der Menge stand und erklärte, worauf man genau achten müsse. Plötzlich hieß es, dass es fünf Freiwillige brauche, um die Raketen anzuzünden. Da ich mit ein paar Freunden von Sanae dort war, schrieben plötzlich alle: der Schweizer soll’s tu! n – und der Raketentechniker fand das eine gute Idee und packte mich. Soviel zur Freiwilligkeit! Dennoch: ich habe noch nie einen wirklich großen Feuerwerkskörper angezündet. Das war wirklich sugoi, wie man hier zu sagen pflegt. Mit einem Spezialanzünder (so was wie ein Schweißgerät im Taschenformat) musste ich an die Zündschnur kommen, diese brannte dann in einem unglaublichen Tempo ab und ein paar hundertstel Sekunden später, krachte ein paar Meter neben mir eine riesige Rakete vorbei. Alles war viel zu schnell, so dass ich mein eigenes Feuerwerk nicht sehen konnte. Denn als meine Augen nicht mehr vom Rauch brannten, war schon alles vorbei. Aber es soll irgendwo auf einem Handy von einer Freundin von Sanae ein Bild davon geben. Wenn ich das bekomme, kann ich es ja einmal zeigen…

In dem Sinne wünsche ich Euch noch ein schönes Wochenende…

Oliver

 

2. Oktober 2003; oberflächliche Telefonnummern und neuartige Oktobersashimi

Liebe Freunde,

Japan ist und bleibt eine spannende Destination, und es fällt mir sehr schwer bald wieder nach Hause zu kommen…

Von Tokyo bin ich wieder in den Süden gefahren, um Waka (einige der Leser werden sie als meine ehemalige Japanischlehrerin erkennen) in Nagoya zu treffen. In geistiger Umnachtung habe ich allerdings vergessen, mir ihre Telefonnummer aufzuschreiben. Als ich dann in Nagoya ankam, konnte ich sie nicht erreichen. Ich telefonierte rum und versuchte irgendwie an ihre Nummer zu kommen – verärgerte damit aber bloss meine Umgebung. (Zum Beispiel fragte ich Frau Sato, Sanaes Mutter, ob sie in meinem Laptop die Nummer nachschauen könne. Sie tat das natürlich unverzüglich, konnte aber mit der deutschen Version der Programme nicht so gut umgehen. Es kamen andauernd Fehlermeldungen; dummerweise habe ich mit Sanae die Soundsettings ein paar Tage zuvor so geändert, dass nun die Mutter jedes Mal, wenn sie ! eine falsche Taste drückte, ihre Tochter hören musste, wie sie sie „Bakamono“ (das heisst in etwa Dummkopf auf Japanisch) nannte. Natürlich war sie zu höflich, um das auch nur zu erwähnen. Aber auch wenn nun wieder alles in Ordnung zu sein scheint, liess sich doch in unserer Beziehung für eine gewisse Zeit eine leichte Abkühlung erkennen.

Für mich als Ausländer sind solche zwischenmenschlichen Dinge in Japan sehr schwer zu handhaben. Das hängt mit zwei Begriffen zusammen, die in Japan sehr geläufig sind: Honne und Tatemae. Diese beiden Begriffe benennen die Trennung einer wahrhaften, tief empfundenen Intention oder Einstellung (honne) und einer nach außen gerichteten Oberfläche, Fassade (Tatemae, was wörtlich in etwa „vor dem Gebäude“ heisst). Wann diese beiden Konzepte historisch genau aufgenommen sind, darüber gehen die Ansichten offensichtlich auseinander: manche sprechen von einer alten Samutai-Tradition, andere Theoretiker glauben jedoch, dass diese Konzepte erst nach dem Zweiten Weltkrieg wirklich verinnerlich wurden, als Japan von Amerika besetzt wurde und die Leute sich eine tiefe Umstrukturierung ihrer Ges! ellschaft gefallen lassen mussten. Mehr noch: das Grossjapanische Denken, das mit der Meiji-Restauration aufgekommen ist, nämlich dass Japan als das einzige nie eroberte Land eine Sonderstellung einnehme und damit wie geschaffen sei, eine „Gross-Japanisch (Asiatische) Wohlstandsspäre“ auf der Grundlage fernöstlicher gemeinsamer Werte zu bilden, wurde als Faschismus entlarvt, als Gedanken, die plötzlich nicht mehr denkbar waren. Hier also soll sich eine Denk- und Handlungsspaltung vollzogen haben, die dem Double-think Orwells vielleicht nicht ganz unähnlich ist.

Das sind natürlich Dinge, wie wir sie auch bei uns kennen: auch wir geben nicht immer unsere wahren Intentionen und Gedanken preis. Schließlich sagte kein geringerer als Goethe, dass sich kluge und dumme Menschen nicht in dem unterscheiden, was sie denken, sondern bloß in dem, was sie aussprechen. Der springende Punkt ist jedoch, dass diese Unterscheidung viel stärker als bei uns im Westen ist.

Die Folge davon ist, dass die Leute normalerweise nicht genau sagen, was sie wirklich denken. Nicht nur im Geschäftsleben, sondern auch im Privaten, es sei denn, man verfügt über ein großes „Amae“ (ein weiteres wichtiges Denkkonzept, das ein bisschen schwer übersetzbar ist, aber in etwa Nähe und Tolerierbarkeit von Fehlern des anderen bedeutet.) Das heißt, man muss einfach wissen, wie man sich zu verhalten hat – ein Ausländer kann das aber nicht wissen und tut dann instinktiv das falsche. Daher häufen sich die Berichte über Japaner, die angeblich so schnell beleidigt sein sollen. Als oberflächlicher Besucher nimmt man das alles natürlich nicht wahr (als ich vor zwei Jahren nur eine Woche in Japan war, ist mir von alle dem überhaupt nichts aufgefallen). Diesmal waren und sind meine Bindungen zu den Leuten viel stärker und plötzlich beginne ich! immer mehr zu verstehen, weshalb manche Reaktionen teilweise so überraschend gekommen sind. Ich fühle mich nun mehr als vor drei Monaten als ein Ausländer, der keine Ahnung vom Land hat.

Wie auch immer, die Zeit in Nagoya war sehr spannend. Da Nagoya eigentlich über keine wirklichen Sehenswürdigkeiten verfügt, muss man sich als Tourist ein bisschen andere Dinge ansehen, als man dies beispielsweise in Kyoto tun würde. Eines der Highlights war sicherlich die Besichtigung des Toyotawerkes. Das Spezielle daran ist, dass hier (zumindest nach Darstellung der Tourführerin) eine neuartige Managementform zum ersten Mal angewendet wurde: es gibt keine Lagerhallen mehr; alles, was gebraucht wird, wird zeitgenau geliefert. Das leert die Hallen, senkt die Kosten für die Fabrik und verstopft die Strassen. Der Mann von Volvo, der mit auf der Führung war, meinte allerdings, dass sie ihre Abläufe bereits in ähnlicher Weise optimiert hätten. Also doch nicht so besonders? Am überraschendst! en fand ich allerdings, dass alle sieben unterschiedlichen Modelle am gleichen Fliessband hergestellt werden. Hatte eigentlich erwartet, dass jedes Modell auf einem anderen Band produziert wird; offenbar habe ich die Technik unterschätzt.

Ein anderes touristisches Highlight um Nagoya hiess „Little World“ und ist so klein nun auch wieder nicht. Auf einem grossen Feld sind traditionelle Häuser aus der ganzen Welt ausgestellt. Man kann in ihnen rumspazieren und anschliessend ein traditionelles Essen einnehmen: zum Beispiel Raclette im deutschen Haus. Deutschland war sowieso am spannendsten, denn nicht nur gab es dort gute Schweizer Schokolade zu kaufen, es fand auch bereits das „Oktoberfest“ statt. Auf einem Platz spielte eine speziell aus Bayern eingeflogene Kapelle (sie sahen nicht wirklich deutsch aus). Ein japanisches Pärchen frage mich, ob ich ein Deutscher sei und amüsierte sich köstlich über meine lange Nase.

Von Nagoya bin ich via Shizuoka nach Tokyo zurückgefahren. In Shizuoka habe ich ein paar Freunde getroffen, die ich vor zwei Jahren einmal in Kambodscha kennen gelernt habe. Wie in solchen Situationen üblich, wurde mal wieder zum Essen (leckere Sashimi) eingeladen und musste eine Menge Bier trinken (na ja, eigentlich bloss eine Dose, aber wer mich kennt…) und dann eben wieder zurück nach Tokyo, wo noch ein paar Einkäufe und Recherchen angesagt waren…

In dem Sinne bis bald,

Oliver

 

Zu den anderen Japanreiseberichten: HERBST 2001 UND SOMMER 2003

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Bei meiner “Host-family” zuhause...

“Schau mir in die Augen, Kleines!” - Tauben im Asakusa Tempel

Auf einer Feuerwerksparty mit Sanae.... (Tokyo)

Ich zünde das Feuerwerk an...

Homeless-Siedlung in Kyoto...

Der berühmte Kinkaku-Tempel in Kyoto

Wanderung am Strand (Nähe von Nagoya)

Saufgelage mit Freunden... (Shizuoka)

Rumlungernde Schulmäschen... (Shizuoka)

“Last evening” mit Sanae (Tokyo)