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Korea 2003

8. September 2003, konturenlose Schönheitsoperationen und spontane Diffusitäten

Liebe Freunde,

dieses Mail liesse sich wieder ganz ähnlich beginnen, wie das letzte: mit einer Betrachtung über Abschnitte des Lebens oder des Reisens. Tatsächlich bin ich wieder in einer neuen Phase meiner Reise, die dann doch ein bisschen überraschend mit einem Rückflug nach Tokyo gekommen ist.

Was ist geschehen? Korea (oder besser gesagt Seoul, denn über die Stadtgrenzen kam ich leider kaum je hinaus), von wo aus ich das letzte Mail geschrieben hat, gefiel mir zwar sehr gut. Doch irgendetwas fehlte. Zwar wohnte ich in einem zentral gelegenen Guesthouse mit vielen anderen (oftmals sehr spannenden Reisenden). Doch bald wurde mir klar, dass ich vor allem den Kontakt zu den Einheimischen vermisste. Und, nachdem ich mit anderen Travellers (oder auch einem deutschen Pärchen, das in Korea für ein Jahr studierte) darüber sprach, stellte ich fest, dass ich nicht der einzige mit so einem Gefühl bin.

Dieses Gefühl ist in der Tat kein Zufall, sondern viel mehr ein strukturelles Problem. Denn in Korea gibt es wenig Orte, an die man geht, um neue Leute kennen zu lernen. Pubs verfügen selten (oder vielleicht überhaupt nie) über eine Bar, an der man mit seinen Nachbarn ins Gespräch käme. In Discotheken soll es sehr ähnlich aussehen. Daher boomen dort (wie bei uns) arrangierte Blinddates aus dem Internet oder von Freunden.

Da es jedoch für mich nicht so erfüllend ist, mit anderen Touristen rumzuhängen, habe ich mich kurzer Hand entschlossen, nach Tokyo zurück zu fliegen und bei Sanae (die einen oder anderen kennen sie ja vielleicht noch von ihrem Besuch in der Schweiz vor einem Jahr) einzuziehen. Damit hat sich nicht nur mein Reiseland spontan stark verändert, sondern meine Reise ist in einen ganz neuen Abschnitt gelangt.

Als ich hier ankam, wurde ich von der ganzen Familie sehr warm empfangen. Die Eltern von Sanae mögen mich aus irgend einem Grund sehr und haben mich eingeladen, so lange bei ihnen zu wohnen, wie ich möchte.

Die Eltern und die beiden Geschwister von Sanae sprechen fast ausschliesslich Japanisch. Das heisst, ich bin darauf angewiesen, meine noch geringen (aber nun sehr rasend wachsenden) Sprachkenntnisse täglich mit ihnen anzuwenden. Die Eltern wollen mich zu kleinen Trips mitnehmen, und mir die Gegend ein bisschen zeigen. Ich habe meinen eigenen Schlüssel bekommen. Nun fühle ich mich nicht mehr, wie auf einer Reise, sondern wie bei einem Sprachaufenthalt in einer Hostfamilie. Das ist für mich sehr spannend, daher glaube ich, dass ich den Rest meiner Zeit mehr oder weniger hier verbringen werde.

Doch zurück zu Korea, denn das Land verdient mehr als nur ein paar Zeilen. Ich muss allerdings gestehen, dass meine Vorstellungen über Korea noch immer sehr diffus sind, obwohl ich eine Woche dort war. Das liegt wohl zu einem grossen Teil daran, dass Korea selbst sich ein bisschen konturlos präsentiert. Zwar wäre das Land für Tourismus ideal (schöne Landschaften, verschiedene historische Stätten und mit Seoul eine aufregende Grossstadt, die in vielem ein bisschen wie Klein-Tokyo scheint, hervorragendes Essen und alles (gemessen an europäischen und nicht an asiatischen Standards zu sehr erschwinglichen Preisen). Doch präsentiert sich Korea kaum für den internationalen Tourismus.

Daher musste ich mich auch bald an die Frage gewöhnen? Du gehst nach Korea? Aber, was gibt es denn dort zu sehen? Es scheint, dass selbst die Leute vor Ort ein bisschen erstaunt sind, wenn man „ohne Grund“ Korea besucht.

So kommt es dann auch, dass sich die Ausländer anders als in anderen Ländern zusammensetzen. Ein kanadischer Sprachlehrer, den ich auf der Fähre nach Korea getroffen habe, hat einmal darüber Untersuchungen gemacht. Nach seiner Erkenntnis, gibt es drei grosse Gruppen von Ausländern.

Die erste und vielleicht auch die grösste, sei die Gruppe der amerikanischen Soldaten. Tatsächlich trifft man in der U-bahn immer wieder schwarze Amerikaner an, von denen man annehmen darf, dass sie nicht so privilegiert sind, um Fernreisen unternehmen zu können. Diese Gruppe ist nicht ganz unproblematisch, denn die US-Amerikaner werden zunehmend von Koreanern als Besatzer betrachtet. Das hängt nicht nur mit den aktuellen politischen Verhältnissen zusammen, sondern wohl auch mit einem Unfall, der vor rund einem Jahr stattfand und in den Medien immer wieder als ein Wendepunkt der koreanisch-amerikanischen Beziehungen betrachtet wurde. Damals wurde ein junges Mädchen von einem Panzer überfahren und getötet. Das hätte wohl noch als Unfall durchgehen können, doch was den Volkszorn entzündete, war der Freispruch des fehlerhaften Soldaten. Ob d! ieser Vorfall wirklich ein Wendepunkt ist, kann ich schwer beurteilen. Aber die wenigen Male, als ich Gelegenheit hatte, mit Einheimischen über solche Dinge zu sprechen, kam dieser Unfall immer wieder zur Sprache.

Die zweite, und wohl nicht weniger kontrovers wahrgenommene, Gruppe seien russische Frauen, die sich in den Städten prostituierten. Ich habe davon allerdings nichts gesehen.

Die dritte Gruppe seien vor allem westliche Ausländer, die als Sprachlehrer in Land arbeiten. Tatsächlich schienen mir daher auch fast alle Europäer, die ich traf, in einer Sprachschule oder auf privater Basis tätig zu sein. Ich glaube, dass es auch hierfür einen leicht erklärbarer Grund gibt: Korea hat verglichen mit den Lebenshaltungskosten ein hohes Lohnniveau. Das heisst, es hat sich rum gesprochen, dass man dort zwar weniger als beispielsweise in Japan verdient, aber, da man weniger ausgibt, trotzdem am Ende des Jahres hohe Ersparnisse hat… Man hört auch immer wieder, dass viele Sprachlehrer koreanische Frauen die weltweit schönsten finden. Ob das so ist oder nicht, kann hier nicht beantwortet werden und ist in einer solchen Allgemeinheit wohl noch nicht einmal ein Geschmacksurteil. Bemerkenswert scheint jedoch, dass Korea eine unglaublich blühende Schönheitsindustrie hat. Nachdem junge Mädchen die Universität abgeschlossen haben, kann es durchaus vorkommen, dass die Eltern ihren Tochter eine Schönheitsoperation zur Belohnung schenken. Das hat sich rumgesprochen: so traf ich dann auch in meinem Guesthouse eine Japanerin, die sich eine längere Nase machen lassen wollte…

Diese erwähnte Konturlosigkeit zieht sich durch ganz Korea. Nicht nur, dass sich Korea schlecht verkauft, es fühlt sich wohl auch irgendwo klein zwischen den beiden Grossen (Japan und China). Ich hatte das Gefühl, dass die Leute nicht eine sehr starke nationale Identität haben: kein grosser Führer, von dem man überall Bilder sieht (im Norden dürfte das natürlich anders aussehen), keine absolut unabhängige Kultur und Tradition. Die Nähe zu den Nachbar zeigt sich schon immer wieder. Daher findet man auch im Volkskundemuseum sehr überraschende Dinge: neben den hervorragenden Schauräumen zur koreanischen Geschichte und Kultur (ich muss gestehen, ich habe noch nie ein spannender präsentiertes Museum besucht) gab Bilder von der Fussballnationalmannschaft, die es ja, wie sich einige vielleicht noch erinnern, bis ins Viertelfinale geschafft hat u! nd Italien und Spanien aus dem Rennen geschlagen haben. Dort hängen also Bilder von den entscheidenden Toren und es stellt sich wirklich die Frage, ob diese stolze sportliche Leistung wirklich für die Volksidentität so wichtig ist, dass sie in einem Museum ausgestellt werden müssen, oder ob es eben nicht doch eher deswegen ist, weil in einem Museum halt eben irgend etwas präsentiert werden muss.

Wer weiss… Ich jedenfalls finde Korea, trotz oder vielleicht gerade auch wegen, dieser beschriebenen Konturlosigkeit faszinierend und unglaublich symphatisch.

In dem Sinne,

Oliver

PS: wenn ich hier von Konturlosigkeit schreibe, meine ich das durchaus nicht in einem negativen Sinne; ich verwende das Wort einfach, weil mir kein besseres eingefallen ist. Vielleicht könnte man meine Ansicht auch einfacher auf den Punkt bringen, wie Kurosch das als Reaktion auf dieses Mail getan hat: es gibt einfach zu wenige Stereotype...

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