Reisetips, Reiseberichte und Reiseinformationen zu Japan, China, Korea, Indien, Iran und weiteren Ländern.

Japan 2003

13. Juli 2003; Japanische Höflichkeiten und verkappte Kriegsveteranen

Liebe Leute,

ich weiß, dass es die meisten Leute nicht sehr schätzen, auf groß angelegten Mailinglisten zu landen. Trotzdem erlaube ich mir, Euch wieder von meinen Reisen zu berichten, zumal ich bereits Zuschriften bekommen habe und gefragt wurde, wo denn meine Berichte blieben. Hier kommt also der erste. Da ich jedoch niemanden vollmüllen möchte, steht es natürlich jedem offen, sich wieder vom Verteiler wegnehmen zu lassen. Hier also mein erstes Mail:

"Bitte halten Sie Ihre Papiere bereit", steht in bunten digitalen Lettern groß über der Immigrationbox. Dann folgen ein paar schöne Kanjis (chinesische Schriftzeichen), die mich sogleich frustrieren. Habe ich nun doch ein Jahr lang die Sprache gelehrt und verstehe noch immer nicht, ob ich nun meinen neuen, bunten Pass dem Beamten entgegenstrecken muss oder ob ich irgendwo die so genannte Alien Registration Card (die übrigens wegen ihrer durchaus dubiosen Namensgebung vor allem bei Langzeitaufenthaltern oft als rassistisch empfunden wird) suchen gehen und ausfüllen muss. Schließlich stellt sich heraus, dass ich bloß ein kurzes Papier ausfüllen muss. Die dubiose Karte scheint abgeschafft worden zu sein, wenngleich mir Einwanderungsbehörde noch immer sehr xenophob vorkommt. Der Beamte schaut auf meinen Laptop und fragt, ob ich einen Businesstrip mache. Die Antwort, dass ich Tourist sei, hatte er wohl kaum erwartet. Er ließ mich trotzdem passieren, stempelte mir aber nicht die gewünschte Maximalaufenthaltsdauer in den Pass. Danach werde ich abgetastet, ob ich nicht Waffen aus dem Flugzeug (!) nach Japan schmuggle…

Weiter geht’s im Land des freundlichen Hightech-Fimmels: Please watch your step! empfiehlt mir das Laufband am Flugplatz. Ich bin natürlich über diese Warnung so sehr überrascht, dass ich am Ende des Laufbandes trotzdem über die Schwelle stolpere. Weiter vorne, hinter dem Ticketautomaten, höre ich bereits die Schranke zu U-Bahn: konnichi wa! ruft sie mir entgegen, und ich bin erstaunt, dass sie sich nicht verneigt. Mit der U-Bahn geht’s unter Tokyo durch. Bestens mit den Anzeigetafeln im Zug unterhalten. Irgendwann erreiche ich schließlich Higashiyamato City, einen kleinen Vorort von Tokyo.

Nach meinem Anruf, kommt Mio unverzüglich zur Station geradelt. Ich freue mich, sie wieder zu sehen. Aber was ist denn das? Wieso kommt die gute Frau den mit dem Fahrrad, wo ich doch gesagt habe, dass ich eine Menge Gepäck habe. „Kein Problem“, meint sie, nimmt den schweren, rollbaren Koffer in die Hand, setzt sich auf den Gepäckträger und ermuntert mich, so loszufahren. Natürlich komme ich mir ein bisschen albern vor, wie wir zu zweit auf dem Velo, einen Koffer hinter sich herziehend, durch die Großstadt radeln. Aber die Seitenstrassen sind erstaunlich leer und der Koffer ließ sich relativ gut ziehen. Ich war erstaunt, dass er kein einziges Mal kippte…

 Seither wohne ich bei Mios Familie, wobei ich von den Leuten sehr wenig sehe. Bisher haben wir vor allem organisatorische Dinge erledigt und die nähere Umgebung erkundet, denn das Wetter ist zu schlecht, um weit weg zu gehen.

 Heute wurden wir schließlich von ein paar Freunden von Mio zum Mittagessen eingeladen. Es waren drei Schulfreunde zugegen, und der offizielle Grund war, dass einer davon seine neue Freundin vorstellen wollte. Irgendwie hatte ich aber das Gefühl, dass es genauso darum ging, mich ein wenig rumzuzeigen. Es gab „japanische“ Spaghetti, fein säuberlich in vier Teller mit unterschiedlichen Saucen angerichtet, aus denen man sich eine Portion in ein kleines Schälchen abzweigen konnte. Während ich mich noch bemühe, die Dinger ins Schälchen zu bekommen, schlürft es neben mir schon: offenbar schmecken Nudeln nicht nur in China besser, wenn man sie unappetitlich isst… und aus der anderen Ecke höre ich bereits wieder das freundliche Hightech-Japan: der kleine, zweijährige Junge, der noch nicht einmal richtig sprechen kann, soll, wenn es nach der ehrgeizigen Mutter geht, bereits lesen lernen. Dazu hat sie ihm ein kleines Gerät gegeben, das jedes Mal, wenn er ein japanisches Zeichen drückt, ihm die Aussprache des Zeichens vorsagt.

 Nach dem Essen verabschieden wir uns von dem kleinen Intellektuellen, seiner Familie und deren Freunden und entschließen uns in einem nahe gelegenen Tempel noch ein bisschen Kultur zu sehen. Dort gab es einen Umzug mit Tanz und Verkleideten Mönchen. Doch das war selber gar nicht so interessant, vielmehr war spannend, dass der Tempel den Millionen japanischen Kriegstoten geweiht war, die in den Kriegen seit der gewaltsamen Öffnung des Landes vor rund 150 Jahren fielen. Dieser Tempel dürfte wohl einer der umstrittensten Japans sein, zumal dort auch die Leichen von anerkannten Kriegsverbrechern liegen. Vor allem Koreaner, deren Land unter den japanischen Aggressionen früher wohl am meisten zu leiden hatte, empören sich darüber. Vielleicht auch zu Recht, denn auch das nebenan liegende Kriegsmuseum, scheint (ich kann das allerdings nicht wirklich beurteilen, weil ich das Museum nicht besuchte, sondern nur die Exponate im Vestibül betrachtete) durchaus keine sehr differenzierte Geschichtsanalyse zu bieten. Auf keinem der Ausstellungsschilder distanzierten sich die Macher von den Geschehnissen – und immerhin waren manche Ausstellungsgegenstände durchaus delikat: beispielsweise ein Flugzeug, wie es beim Angriff auf Pearl Harbour verwendet wurde… Mio meinte dazu nur: „right wing!“ und vermutlich ist es eine einfache, aber sehr treffende Aussage. Offenbar ist Japan mehr als nur höflich…

 In dem Sinne verneige ich mich und wünsche Euch einen schönen Tag,

Oliver

 

25. Juli 2003; motorisierte Normen und parkierende Rundreisen

 

Liebe Freunde,

langsam ist es wieder an der Zeit, mich wieder einmal aus dem verregneten Japan zu melden. Ich befinde mich nun nach einer längeren Rundreise wieder in Tokyo.

Vor einer Woche sind wir mit Mios Auto losgefahren. Zuerst durch Nagano, dann auf die schöne Nato-Halbinsel und schließlich wieder zurück. Wir genossen die Freiheit der Strasse, um es ein bisschen pathetisch auszudrücken. Ich genoss die schöne Landschaft und die Möglichkeit an jedem Ort in dem kleinen Nissan Pao übernachten zu können, während es Mio eher danach drängte, alles aus den 997ccm rauszuholen. Zugegen, diese beiden Arten der Freiheiten stehen durchaus ein bisschen im Widerspruch zu einander. Entsprechend sah ich stellenweise doch eher wenig von der Gegend, wenn Mio mit hundert Sachen durch die 40er Zone bretterne. Das klingt nun zwar recht kriminell, ist aber nicht wirklich gefährlich (außer dass die hohen Geldstrafen einen finanziell ruinieren können), da in Japan die Geschwindigkeitsbegrenzungen lächerlich niedrig sind. Überland mit 40 auf großen breiten Strassen ist wirklich nicht realistisch... Nunja, wir wollen uns hier weder weiter mit unseren Verkehrssünden befassen, noch eine Abhandlung über das japanische Verkehrsverhalten halten; wenngleich mir gewisse Dinge auch hier sehr erwähnenswert erscheinen, da sie nicht nur bloß über die Straßenverhältnisse berichten, sondern einen tieferen Einblick in meine ersten Eindrücke in die "japanische Volksseele" erlauben. Ich erlaube mir daher verschiedene Beispiele zu erzählen, um daraus hinaus eine Essenz bilden zu können.

Dabei ist nicht so wesentlich, dass es ein starkes Stadt-Landgefälle gibt, welches darauf zurück zu führen ist, dass in den Städten die Polizei viel präsenter als auf dem Land ist. Dieses Gefälle kennen wir ja schon aus der Schweiz. Viel spannender ist, dass der ganze Verkehr absolut idiotensicher geleitet wird: bei jeder Baustelle gibt es neben einer Ampel noch Leute, die mit roten oder weißen Fahnen winken, um zu zeigen, dass man wirklich fahren darf; bei den Parkplätzen ist oft jemand da, der einem zeigt, wo man genau parken darf und einen dann noch mit Handzeichen einweist. Man könnte meinen, die Leute können nicht gut fahren…

Das gleiche zeigt sich aber auch bei Besichtigungen von touristischen Anlagen. Als ich das sehenswerte Schloss von Matsumoto besuchte, durfte ich mit all den anderen Japanern, meine Schuhe im Plastiksack in der Hand haltend, durch das Schloss schlürfen, einer hinter dem anderen. Es gab keine Möglichkeit zur Alternative: ich musste mir das ganze Schloss ansehen und zwar in der Reihenfolge, wie sie mir vorgegeben wurde. Zugegeben, alles ist gut und klug ausgedacht und vermutlich konnte ich auf diesem Weg am rationalsten alle Räume sehen. Aber die Möglichkeit, dass ich vielleicht lieber eine andere Reihenfolge genommen hätte, wurde bei der Planung einfach übersehen. Das gleiche übrigens auch bei U-Bahnen. Ich fand es noch nirgends so schwierig, schwarz zu fahren wie in Tokyo: wenn man in den Zug einsteigt, kann man irgend ein Ticket kaufen und beim Verlassen des Zielbahnhofes, einfach den richtigen Betrag in speziellen "Fare adjustment mashines" nachzahlen. Tut man dies nicht, geht die Türe mit einem Knall zu und sofort sind ein paar freundliche Bahnhofsvorsteher da, um zu erklären, was der richtige Tarif gewesen wäre, und um die fehlenden Yen einzukassieren. Wenn die Türe zugeht, wird man von den Eisenbähnlern durchaus nicht als Betrüger dargestellt, sondern es wird einem vielmehr geholfen, sich normkonform zu verhalten.

Ich glaube, dass sich daraus bis zu einem gewissen Grad auch die überraschende Stärke der japanschen Volkswirtschaft erklären lässt. Ich kenne mich hier zwar zu wenig aus, aber obwohl offenbar das Schreckgespinst der Deflation die Nachfrage schon seit Jahren drückt, geht es trotzdem den meisten Menschen hier noch recht gut. (Nunja, dieser Eindruck mag auch trügen. Wenn man beispielsweise Freunde zu Hause besucht, stellt man oft fest, dass sie zwar über ein gutes Einkommen verfügen, aber sehr spartanisch hausen. Heute besuchte ich einen Bekannten, den ich vor Jahren in BKK kennen gelernt hatte. Er veranstaltete zusammen mit Sanae und anderen eine Party für mich. Er wohnt in einer 5 Tatami Wohnung. Das entspricht schätzungsweise etwa 8 Quadratmetern.) Der französische Gelehrte Foucault würde hier wohl feststellen, dass durch ein System einer sehr starken Normierung der Gesellschaft eine hohe Produktivität erreicht wird... Aber das nur so als Randbemerkung.

Doch wo bleibt nach all diesen Randbemerkungen denn nun der Haupttext? Nunja, um den zu schreiben bin ich nun zu müde. Aber der kommt bestimmt bald und wird vielleicht die einen oder anderen sehr überraschen...

Also bis bald,

Oliver

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Wiedersehen mit Mio...

Mit dem Auto unterwegs...

Das Schloss von Matsumoto

Luftaufnahme Gokayama

Spezielle Häuser (Gokayama)

Magic Mashroom?

Kleine Insel (Nato-hanto)

Strand (Nato-Hanto)

Party mit Freunden (Tokyo)

Grosser Buddha (Kamakura)

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