|
Hallo Leute,
ich wollte mich mal wieder kurz melden, nachdem es in Japan ein grosses Erdbeben gegeben hat und sich offenbar die Leute zu Hause um mich sorgen. Um es vorweg zu sagen: ich wäre
fast am Ort des Geschehens gewesen, wenn der Zug nicht ausverkauft gewesen wäre. So musste ich mich also etwa 900 Kilometer entfernt vom Epizentrum mit einem schwachen Zittern "begnügen". Mir geht es also
blendend und ihr braucht Euch keine Sorgen um mich zumachen.
Mein Alltagsleben in Japan hat sich seit dem letzten Bericht nicht wirklich verändert. Nur ist es inzwischen viel wärmer geworden und ich habe meinen "Arbeitsplatz" im
Restaurant um die Ecke geräumt und gehe stattdessen in den Park zwei Ecken weiter, um dort meine Texte in den Computer einzugeben. Allerdings gehen mir langsam die Aufträge aus und ich verbringe inzwischen mehr Zeit
mit dem "Plaudern" mit verschiedenen Redaktionen als mit den Texten selbst. Das Problem ist nämlich, dass ich das perfekte Hochstapeln noch nicht so ganz beherrsche: einerseits muss ich mich ja zu einem
erfahrenen Reiseautor hochstilisieren (was ich allerdings nicht wirklich bin) und andrerseits darf ich auch nicht soo dick auftragen, dass sie gleich zehn Arbeitsproben wollen (die ich gar nicht habe). Die Goldene
Mitte ist also auch hier gefragt. Immerhin deale ich mit ein paar guten Adressen und wenn alles klappt wie ich will (und selbst wenn es nur die Hälfte ist), dann hat sich diese Zeit hier schon alleine wegen den
Referenzen gelohnt.
Während ich also mit der journalistischen Diplomatie noch immer ein bisschen hadere, beherrsche ich mittlerweile die Tücken des japanischen Alltags perfekt. Ich weiss nun
beispielsweise, wie man theoretisch den Abfall trennt. Das "theoretisch" im vorigen Satz ist mit Bedacht gewählt, da das Thema bedeutend komplizierter ist, als man denken sollte. Denn hierzulande ist nicht
das Hauptsortierungsmerkmal, ob man den Abfall wieder verwenden oder wenigstens kompostieren kann, sondern ob er brennt oder nicht. Einmal mehr zeichnet sich ab, dass ich aus meiner Jugend doch noch das eine oder
andere Manko habe. Während nämlich damals die anderen mit dem Feuerzeug durch die Gegend liefen und alles anzündeten, - um zu schauen, ob es brennt - , fehlt mir - der ich damals dachte, dass sei kindischer Blödsinn
- diese mittlerweile als durchaus praktisches Wissen anerkannte Erfahrung plötzlich am anderen Ende der Welt. Wer hätte das inmitten seiner Teenagerzeit ahnen können? Dagegen macht sich die universitäre Bildung
bemerkbar: wie unser Basler Philosophieprofessor Emil Angehrn in seiner Rede zum Abschied der diesjährigen Elfenbeinschäfchen (gemeint war beispielsweise meine Wenigkeit) meinte, seien sie nun bereit, in die Welt zu
gehen und alles zu hinterfragen. Alles? Wenigstens hinterfrage ich den Sinn des hiesigen Abfalltrennens und führe das auf die Philosophie zurück. Es ist nämlich so, dass ich durchaus keinen Sinn darin sehe, zu
unterscheiden, ob man Abfall verbrennen kann oder nicht ? zumindest nicht den umweltschützerischen Sinn, der auf unseren Plastikabfalleimer (brennen die eigentlich?) propagiert wird. Allerdings ist Umweltschutz
sowieso ein bisschen ein dubioses Thema: so steht zum Beispiel in unserem stinkigen WC, dass man nach dem Benutzen Lüftung und Licht ausschalten soll, während sich jedoch die Fenster unter der Elektroheizung (!) im
Wohnzimmer nicht so verschliessen lassen, dass nicht ein halber Orkan um die Kanten pfeift. Ein anderes Beispiel ist mir vor ein paar Tagen passiert: da ich mich aus den so genannten Combinis ernähre (das Wort kommt
von Convenient Store. Das sind solche Läden die pro Tag 25-Stunden offen sind und in denen man sich noch ungesunder als bei MacDonalds ernährt), habe ich jeden Tag eine Menge von Plastiksäcken, die sich am Fuss
meines Bettes türmen. Jaja, das ist der einzige Ort, wo ich Platz habe. Da das aber so unangenehm raschelt, wenn ich mich nachts bei schlafen drehe und ich ja meine Mitschläfer nicht unbedingt beim
Um-die-Wette-schnarchen (momentan steht übrigens 4:5 für den Koreaner unter mir) stören möchte, habe ich mich kurzerhand entschlossen, das Plastikproblem zu lösen. Ich bin also zu Mike, das ist der stille
Amerikaner, der fast perfekt Japanisch spricht (oder es zumindest antönt) und habe mir erklären lassen, was ich sagen muss, damit ich im Combini keinen Plastiksack bekomme. Beim nächsten Mitternachtsshopping (dafür
liebe ich übrigens Japan! Coop Pronto kann da gleich wieder zusammenpacken.) habe ich meinen neuen Satz prompt angewendet und es hat geklappt: der Mann an der Kasse hat mir den Plastiksack nicht gegeben, sondern
direkt weggeworfen. Hm? vielleicht muss ich noch üben, den Satz ein bisschen früher zu sagen? Ich bin darauf wieder zu Mike zurück und habe ihm mein Problem geschildert, worauf dieser mir sein Problem mit dem
Plastik erläuterte, das noch viel schwieriger aussah. Immer wenn er zum Starbucks um die Ecke gehe, habe er um einen Papierbecher statt einem Plastikbecher gebeten. Am Anfang fanden die Leute das zwar komisch, aber
offenbar haben sie das akzeptiert und nach ein paar Wochen hat er automatisch den Kaffee im Papierbecher bekommen. Dabei hätten die Leute ihn jedoch so angesehen, als verlange er "etwas Perverses". Aber in
Japan sei man sich ja an allerlei Freakiges gewohnt, so dass man seinem Wunsch problemlos habe Folge leisten können. Das ging gut, bis er eines Tages feststellte, was hinter der Theke wirklich abging: dort wurde der
Kaffee nämlich zuerst in einem Plastikbecher zubereitet und dann in einen Pappbecher umgeschüttet, so dass Mikes ungewöhnliche "Perversion" noch viel mehr Abfall verursachte, als dass sie ihn vermied. Aber
immerhin wissen wir ja: Pappe brennt, Plastik nicht.
Liebe Grüsse,
Oliver
r
|