Reisetips, Reiseberichte und Reiseinformationen zu Japan, China, Korea, Indien, Iran und weiteren Ländern.

Hallo liebe Leute,

gestern hatte ich zum ersten Mal Probleme mit den zahlreichen Ordnungshüttern in Japan – und das erst noch in der Provinz, die allgemein am ordnungsfeindlichsten gilt: Okinawa. Der Grund für den Zwist war, dass ich der Meinung nachhing, dass ich die Zeit zwischen meiner Ankunft um Mitternacht und meinem Abflug am frühen Morgen des nächsten Tages auf dem Flughafen der Südinsel verbringen könne. Diese Ansicht teilte jedoch der Wachmann nicht, der um 12 Uhr den Flughafen dicht machen wollte (kleine Frage in Klammern: habt ihr schon jemals einen internationalen Flughafen gesehen, der nicht rund um die Uhr offen war?). Da ich jedoch keine Lust hatte, extra in die Stadt zu fahren, um dann gleich wieder zurück zu kommen, habe ich mich kurzerhand im Behinderten-WC auf dem Langzeitparkplatz des Flughafens versteckt. Doch auch dort dauerte es nicht lange, bis mich die nächste Patroullie erwischte und rausschickte. Hier zeigt sich wieder, wie tief regelfanatisch Japan noch immer ist: der Mann schloss die Türe hinter mir zu. Doch das machte überhaupt keinen Sinn, da ich problemlos über die Autoeinfahrt wieder zum WC hätte gelangen können. Es ging nur um die Regel selber. Da ich mittlerweile ein bisschen hungrig geworden und hatte keine Lust mehr hatte, meinen persönlichen Kleinkrieg weiterzuführen, lief ich halt in die nahe gelegene Stadt. Aber das gehört eigentlich ins nächste Mail zu Okinawa.

Eigentlich wollte ich Euch ja erzählen, was sich seit letztem Mal alles ereignet hat. Nun, am letzten Freitag war Schweizer Nationaltag in der EXPO in Nagoya. Ihr wisst vielleicht, dass es bei den internationalen Weltausstellungen (also 2000 in Hannover oder dann 2010 in Shanghai – die in der Schweiz war so was Komisches, was ich mal nicht dazuzählen möchte) immer wieder so genannte Nationaltage gibt. Als ich beispielsweise vor fünf Jahren in Hannover war, wurde gerade der Nationaltag von Malaysia gefeiert und zwar am 8. Mai, dem richtigen Tag. Wieso unser Erster August in Japan auf den 15. April vorverlegt wurde, ist mir nicht ganz klar. Aber ich vermute, dass hier an eine alte Schweizer Tradition angeknüpft wurde: wie Euch gewiss bekannt ist, wurde vor einem Jahrhundert die Gründung der Schweiz am 8. November gefeiert, bis man den Bundesbrief von „Anfang August 1291“ (wie kam man da eigentlich auf den ersten Tag im Monat?) fand und die Feierlichkeiten in den ohnehin klimatisch angenehmeren Sommermonat vorzog. Wenn nun also plötzlich Mitte April gefeiert wird, dann ist das nichts als gut schweizerisch… Wie auch immer, die Aargauer Zeitung hat sich von meiner etwas geklotzten Bewerbung beeindrucken lassen und mich daher kurzerhand als eine Art Japankorrespondent zu dieser frühzeitigen Feier geschickt. Ich solle innerhalb von knappster Zeit einen Artikel für die Samstagsausgabe mit 5000 Zeichen verfassen, hiess es. Gut! Ich habe mich also auf den Weg gemacht, bekam einen VIP- und Pressepass ausgestellt und hatte nun NIP (noch importantere Personen) zu interviewen und über sie zu schreiben. Doch kurz vor Redaktionsschluss hatte ich plötzlich das Gefühl, dass 5000 Zeichen niemals eine ganze Seite geben können und bekam nach einer Nachfrage die Antwort, dass es eigentlich doch eher etwa 9000 seien. Nun hatte ich also meine ganze Arbeit innerhalb von einer Stunde bei gleich viel Inhalt auf die doppelte Menge aufzublasen. War gar nicht so einfach und hat vermutlich auch nicht wirklich gut geklappt, denn die Antwort der Redaktion war ein ebenso simples wie auch sehr unterschiedlich interpretierbares „Vielen Dank für Ihre Bemühungen“. Nichtsdestotrotz war der Tag an der EXPO sehr spannend. Am Morgen durfte ich mit den Leuten von Keystone und vom Schweizer Fernsehen auf die Ankunft des „President of Switzerland“ warten. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, wer mit dieser Bezeichnung betitelt wurde. Ich habe ja immer gedacht, dass wir Bundesräte haben, die gleichberechtigt sind – bis mir wieder dieser kleine Nebensatz aus dem Geschichtsunterricht im Gym einfiel: einer von ihnen wird als Primus inter pares zum Präsidenten geschlagen. Aha! Der nächste Programmpunkt nach Ankunft der Staatskarosse: wir mussten wir uns die Rede von Bundespräsident Samuel Schmid anhören. Obwohl ich nicht sicher bin, ob er das so meinte, wie ich es verstand, hörte sich seine Rede in meinen Ohren nach einer massiven Kritik an Japan an. Er erzählte, dass man die Natur respektieren müsse, damit man sie beherrschen könne und vor allem aber auch, dass man die schwachen Mitglieder der Gesellschaft respektiere müsse. Für mich, der ich gerade für Surprise zur sehr spannenden Obdachlosenproblematik in Japan recherchiert hatte (in der Beilage noch ein Interview mit der Distributorin von Big Issue Japan, dem japanischen Strassenmagazin. Das Gespräch habe ich nicht veröffentliche, sondern nur als Arbeitsgrundlage benutzt habe), klang das natürlich wie Hohn in den Ohren – vor allem dann, wenn man weiss, dass zum Beispiel die Obdachlosen aus den Parks in Nagoya, wo sie seit Jahren leben ohne jemandem etwas anzutun, gewaltsam vertrieben wurden, damit das Stadtbild schöner wird (was soll an der Betonwüste ich Nagoya überhaupt schön sein?) Ebenfalls interessant war, dass während der ganzen Rede von Schmid vier Japaner auf der Bühne in Salutierstellung blieben, so als wollten sie die Anklage der leicht faschischtoiden Tendenz in der japanischen Gesellschaft, die ich in Schmids Worten reininterpretierte, versinnbildlichen… Am Abend fand im Schweizer Pavillon eine VIP-Party statt, wo ein paar japanische Botschafter (glaube ich zumindest), die Schweizer Delegation, einige Schweizer Künstler, die ich Kunstbanause natürlich nicht kannte, und wir Journalisten waren. Das war recht amüsant – nur schade, dass ich kaum Zeit hatte.

Doch nochmals zurück zur Rede. Schmid hatte das Motto der Expo betont: „Die Weisheit der Natur“ und es sollte kaum einen Tag vergehen, bis ich wieder auf das gleiche Motto in einem ganz anderen Kontext stiess. Am Samstag war ich zu einer Kunstgalerie in Kamakura gefahren. Dort werden gerade die sehr sehenswerten Bilder von Toshio Shibata ausgestellt. Dieser Fotograph gilt als einer der grössten japanischen Umweltaktivisten. Seine Spezialität sind Schwarzweissfotographien von Betonkonstruktionen in der japanischen Natur. Da mich der Mann persönlich interessierte, habe ich ihn kurzerhand um ein Interview gebeten und das Gespräch gleichzeitig dem Japanmagazin angeboten. Als der freundliche Mann mich schliesslich durch seine Ausstellung führte, zeigte sich, dass Shibata überhaupt nicht der Aktivist war, als den ich ihn mir vorgestellt hatte. Er fühlte sich dadurch sogar im Gegenteil mit seinem Begehren ungehörig versimpelt, denn ihm gehe es nicht in erster Linie um den Schutz der Natur, sondern darum die Menschen in ihren Konstruktionen abzubilden und etwas Indirektes zu zeigen. Das klang alles sehr interessant, aber auch sehr wenig handfest. Ausserdem bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich ihn wirklich verstanden habe. Aber immerhin hat er mir ein schönes Buch geschenkt, an dem ich viel Freude habe. Was ich aber fast noch interessanter fand, ist eine Bemerkung seinerseits, dass die einbetonierten Flüsse, die er fotografiert, (um das einmal zu erwähnen, in Japan sind bis auf drei alle Flüsse in Betonbette gepfercht.) eine doppelte Bedeutung haben: für den einen symbolisieren sie die Zerstörung der Umwelt, für den andren (und ich glaube, das ist die Mehrheit) bedeuten sie einen Etabensieg auf dem endlosen Kampf gegen die Natur. Ich habe den Eindruck, dass in dem Land, das von Erdbeben regelmässig erschüttert wird, das Tsunami den Namen geliehen hat und in dem es auch sonst immer mal wieder Überschwemmungen oder Erdrutsche gibt, die Natur zwangsläufig als Gegner empfunden werden muss, was durch einen entsprechenden Diskurs (angeblich von der Bauindustrie initiiert) noch verstärkt wird. Und das dürfte auch der Grund sein, wieso sein Werk im Westen sehr anders als in Japan selber interpretiert wird, und vielleicht sogar der Grund, wieso er in Europa und den USA mehr Bilder verkaufen kann, als in Japan.

Liebe Grüsse,

Oliver

 

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Interviewpartner: Toshio Shibata