Reisetips, Reiseberichte und Reiseinformationen zu Japan, China, Korea, Indien, Iran und weiteren Ländern.

Hallo Leute,

ich wollte mich mal wieder bei Euch melden. Die meisten von Euch dürften es mitbekommen haben: nach erfolgreichem Liz. bin ich gleich nach Japan abgedüst.
Die ersten paar Tage in Japan waren ziemlich stressig. Ich musste zuerst eine Wohnung finden und habe dabei verschiedene Sachen angeschaut. Das Problem bei japanischen Wohnungen ist ja, dass man neben der monatlichen Miete, die ja schon hoch genug ist, noch Trinkgeld, Bestechungsgeld, Schlüsselgeld und was-weiss-ich-Geld bezahlen müsste, so dass bereits etwa 5 Monatsmieten unwiderruflich verlocht sind, bevor man sein Loch überhaupt je betreten hat. Für Leute, die nur „kurz“ bleiben, sind das natürlich unzumutbare Kosten. Die einzige Alternative dazu sind so genannte Gaijin-Häuser. Die aufgeklärteren Japaner sprechen übrigens von Gaigokujin-Häusern, da streng genommen ersteres „Ausserirdische“ und nicht „Ausländer“ wie letzteres bedeutet. Die meisten kümmern sich aber um diesen kleinen Unterschied nicht.
Wie auch auch immer, hier hause ich nun also mit diversen Ausländern. Ich habe mich entschlossen, meinen Aufenthalt möglichst billig zu gestalten, so dass ich nun nicht nur keine eigene Wohnung gemietet habe, sondern auch kein eigenes Zimmer. Ich teile vielmehr einen grösseren Raum mit fünf anderen, die hier in Tokyo arbeiten: drei Koreanern, einem Chinesen und einem Brasilianer. Die sind alle recht nett; und da der Chinese und einer der Koreaner noch schlechter Englisch sprichen als ich Japanisch, haben wir uns entschlossen, auf Japanisch zu radebrechen.
Nicht, dass das gerade gut klappen würde, aber man braucht ja so wenig zum kommunizieren. Das habe ich zum Beispiel heute früh festgestellt, als ich meine erste private Deutschstunde gab an eine Japanerin, die – ich wusste das nicht, als ich zugesagt hatte – kein Englisch spricht. Ich musste deshalb also diese von mir sehr gering geschätzte „Berlitz-Methode“ verwenden, bei der man einsprachig unterrichtet und Grammatik ganz ausklammert.
Ich mag diese Methode deshalb nicht so, weil ich glaube, dass man, wenn man die Regel einmal erklärt bekommt, viel schneller eine Sprache lernen kann, als wenn man sich die Regeln zuerst selber herleiten muss. Auf jedenfalls sah das heute morgen dann so aus, dass wir beide im Starbucks sassen (ich mit einem „hotto coco’a“, einer heissen Schoggi, und meine Schülerin mit einem Ko-hi, einem Kaffee) und ich nun etwas unterrichten sollte. Zum Glück sind in Tokyo die Reisewege lang, so dass ich in der U-bahn noch Zeit hatte, mich vorzubereiten und ein Bild von einer schweizer Berglandschaft zu zeichnen. (Ich behauptete, dass sei das Jungfraujoch – und noch ist mir nicht klar, ob ich mit meiner Zeichnung dem Schweizer Tourismus genutzt oder geschadet habe), dann ging’s so weiter: "Was ist das?" - "Dasu isto ein Baumu". "Wieist der Baum?" - "Der Baumu isto gulossu."* - "Welche Farbe hat der Baum?" - "Der Baumu isto gulün."* Und so weiter... Das ging soweit noch recht gut, bis wir zu „du bist“ gekommen sind. Da meinte sie, dass sie in Deutschland sowieso keine Freunde habe und daher die Du-Form auch gar nicht lernen müsse. Ich widersprach ihr und behauptete, dass sich junge Leute allgemein dutzen würden und dass sie diese Form mindestens passiv verstehen sollte. Aber eigentlich hatte ich keine Lust, meine Schülerin zu sitzen. Wie auch immer, damit habe mir schon die Hälfte meiner wöchentlichen Miete verdient. Kann also nicht klagen.
Ansonsten bin ich viel am Schreiben. Vor ein paar Tagen war ich in Osaka. Dort haben wir einen obdachlosen Strassenzeitungsverkäufer fürs Surprise interviewt. Bemerkenswerterweise gibt es in Osaka auch eine japanische Ausgabe von Surprise (Big Issue), die allerdings nicht sonderlich erfolgreich ist, wohl auch deshalb, weil die Verkäufer wohl zu wenig aggressiv auftreten und so ihre Heftchen kaum los kriegen. Eigentlich wollte ich ja die Redaktion interviewen, aber die hatten gerade keine Zeit; daher habe ich ihnen meine Fragen per Mail geschickt und die Antworten auf Japanisch bekommen. Tja, nun bin ich schon seit zwei Tagen am rumbasteln und sehe zu, wie mein „Stundenlohn“ vom einstelligen Bereich in den kommastelligen Bereich gleitet, denn das mit dem übersetzen will irgendwie nicht so ganz klappen. Angesichts dessen, dass ich aber keine Deadline habe, macht das auch nichts, wenn ich noch ein bisschen am basteln bin und ich lerne dabei ja auch die Sprache, was mir hier ja das erste Anliegen war.
Meine Freizeit verbringe ich damit, alte Bekannte zu treffen, wobei sich hier das Problem zeigte, dass die alten Bekannten teilweise so beschäftigt sind, dass wir kaum Möglichkeiten finden. Japan hat ja nicht umsonst so einen gehetzten Ruf. Wie ich in einem Interview geschrieben habe (das vermutlich diesen Montag in der Baz erscheint), sind die Arbeitszeiten hierzulande nicht immer sehr arbeitnehmerfreundlich. Die Arbeitsverträge sehen zwar etwa ähnlich aus, wie bei uns, aber informell werden überstunden erwartet. Wie mir die erwähnte Interviewpartnerin erzählte, musste sie täglich bis zu 12 Stunden arbeiten und überstunden werden nicht bezahlt. Meiner Meinung nach erklärt das auch, weshalb bei Teilzeitjobs auf Stundenbasis die Löhne so eklatant tiefer sind. Bei Stundenlohn kann man ja nur schlecht unbezahlte überstunden erwarten, oder sehe ich da was falsch? Wie auch immer, für mich, der ich ausserhalb dieses Arbeitsprozess stehe, ist das teilweise ein bisschen frustrierend, weil ich dann doch sehr oft auch mich alleine gestellt bin und mich ein bisschen alleine gelassen fühle. Konkret heisst das, dass ich mir von Euch allen viele Mails wünsche… :)
Letzte Woche habe ich übrigens Mio getroffen. Zusammen sind wir in ein Sushi-Restaurant gegangen. Ich habe dem Besitzer ein Reisemagazin (Clever Reisen – für die ich was für die nächste Ausgabe verfasst habe) unter die Nase gehalten und ihnen erklärt, dass ich ein Reisejournalist sei, der ihr Restaurant gerne empfehlen würde und habe dann gefragt, ob ich Fotos machen dürfe. Das war auch kein Problem, und ich konnte trotz den Gästen Nahaufnahmen von den Fliessbandsushis zu machen. Aber als ich dann drauf anspielte, dass wir eigentlich die Sushis auch probieren sollten, damit ich sie wirklich empfehlen könne, wurden wir sanft rausgeworfen. Tja, irgendwashabe ich wohl noch nicht ganz professionell gemacht…

So, nun in ich ab meiner Erzählung selber hungrig geworden und gehe mal was Essen.

Bis bald,

Oriba- San

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Mit ANA gings nach Japan

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In der ersten Woche wohnte ich in Yokohama und musste deswegen pendeln...

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Das Gaijinhouse von aussen---

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...und von Innen (Mein Bett)

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Skyline von Shinjuku

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Sushis vor dem Rauswurf...

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Big-Issueverkäufer in Osaka

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Obdachloser in Zentrum von Tokyo